von THOMAS BÜHRKE
Anfang des Jahres 2020 sorgte ein Stern weltweit für Aufsehen: Beteigeuze, einer der beiden Schultersterne im Sternbild Orion. Er war immer lichtschwächer geworden, bis die Helligkeit im Februar 2020 auf ein historisches Tief seit Beginn präziser Beobachtungen fiel. Weltweit wurde darüber spekuliert, ob dieses Great Dimming ein Anzeichen für eine nahe bevorstehende Explosion sein könnte. Doch nichts dergleichen passierte. Beteigeuzes Helligkeit erhöhte sich und erreichte Ende April 2020 wieder ihren durchschnittlichen Wert.
Dennoch hat dieses Ereignis Spuren hinterlassen. Beteigeuzes Pulsation ist aus dem Takt geraten. Darüber hinaus wurde endlich eine lange gesuchte Ursache für Helligkeitsschwankungen in einem Sechs-Jahres-Rhythmus gefunden: Ein weiterer Stern zieht innerhalb des Überriesen seine Kreise und wirbelt wie ein Boot im Wasser dessen Gas auf.
Aufstieg aus der Tiefe
Beobachtungen von Beteigeuze mit einer Vielzahl von Teleskopen in verschiedenen Wellenlängenbereichen führten Astronomen zu der Ursache des Great Dimming: Offenbar hatte sich im Innern des Sterns eine ungewöhnlich große Gaszelle gebildet, die zur Oberfläche aufstieg.
Diese Art von Konvektion läuft auch in unserer Sonne ab und ist an der Oberfläche in Form von Granulen erkennbar. Aber bei Beteigeuze war diese Gaswolke riesig groß. Sie erzeugte beim Aufsteigen aus der Tiefe Schocks und Pulsationen, die, oben angekommen, einen Teil der Photosphäre wegbliesen. Die Materie kühlte sich daraufhin ab, sodass sich Moleküle und Staubteilchen bilden konnten. Diese Wolke verschluckte einen Teil des Sternlichts für Beobachter auf der Erde und ließ Beteigeuzes Helligkeit drastisch zurückgehen.
Auch unsere Sonne stößt regelmäßig Teile ihrer dünnen heißen äußeren Atmosphäre, der Korona, aus. Dieser Vorgang ist als koronaler Massenauswurf bekannt. „Aber der Auswurf von Beteigeuze war 400 Milliarden Mal so massereich wie typischerweise auf der Sonne“, erklärt Andrea Dupree vom Center for Astrophysics Harvard & Smithsonian in Cambridge, Massachusetts. Zusammen mit Kollegen gelang ihr schon 1994 die erste direkte Aufnahme von Beteigeuzes Oberfläche mit dem Hubble-Weltraumteleskop.
Obwohl Beteigeuze rasch wieder die alte Helligkeit erreichte, hatte die Eruption den gesamten Sternkörper empfindlich gestört. Seit 200 Jahren messen Astronomen eine Helligkeitsvariation mit einer Periode von etwa 400 Tagen. Sie hat ihre Ursache in einer Schwingung des Sterns. Nach der gewaltigen Eruption pulsiert Beteigeuze nun mit einer etwa halb so langen Periode von 200 Tagen. Anscheinend sind die inneren Konvektionszellen, die die regelmäßige Pulsation antreiben, völlig aus dem Takt geraten.





