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Bessere Böden
Auf Schlangen sollte man immer achtgeben. Sie sind nicht gleich zu sehen, um nicht zu sagen gar nicht, unter dem satten Grün, den Blättern, im Schatten. Deswegen ist es ratsam, sich beim Besuch eines Feldes in Brasilien mit einer Art Unterschenkelschützer zu rüsten. Praktisch sind die Teile, aus Leder, mit…
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von PETER LAUFMANN
Auf Schlangen sollte man immer achtgeben. Sie sind nicht gleich zu sehen, um nicht zu sagen gar nicht, unter dem satten Grün, den Blättern, im Schatten. Deswegen ist es ratsam, sich beim Besuch eines Feldes in Brasilien mit einer Art Unterschenkelschützer zu rüsten. Praktisch sind die Teile, aus Leder, mit Klettverschluss. „Und schön aufstampfen“, rät ein Landarbeiter, „die Erschütterungen vertreiben die Schlangen.“ Mit einem etwas mulmigen Gefühl geht es in die Kultur.
Zuerst versucht man noch die Gratwanderung aus vorsichtigem Ich-will-keiner-Pflanze-ein-Blatt-krümmen und Ich-will-Schlangen-vertreiben, doch nach ein paar Minuten weicht das der Gewöhnung. Und bald pflügt man wie selbstverständlich durch diesen grünen Ozean, teilt das Meer aus Blättern, das sich hinter einem wieder zu einer einheitlichen Oberfläche schließt.
Aus Pilzen, Bodenbakterien und Fischabfällen stellen Agrarforscher Biostimulanzien her.
Auf Ackerflächen in Brasilien trotzen Soja- und Baumwollpflanzen Schädlingen und Dürre dank der Biostimulanzien besser. Landwirte können deshalb große Mengen an Pestiziden einsparen.
Es sind Sojabohnenpflanzen. Sie wachsen auf riesigen Schlägen, bis zum Horizont und darüber hinaus scheinen die Felder zu reichen. Felder sind hier leicht 200 Hektar groß, in Deutschland sind es eher zwischen zwei und 50 Hektar. Hüfthoch steht die Hülsenfrucht, braune Härchen sitzen an den Trieben, hier und da sind bereits die Ansätze für die begehrten Bohnen zu erkennen. Wenn man sich an die Größe gewöhnt hat, lohnt es sich, tiefer in den grünen Schatten einzutauchen.
Weniger Pestizide
Dabei hilft Emerson Colpo, er ist Chef dieses Feldes und der Farm „Três Lagoas“ im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso. Sie ist eine von vielen Farmen, die alle zu dem Agrarunternehmen Scheffer gehören. Colpo teilt die Wogen vor sich und erklärt. Zwischen den vor Kraft strotzenden Sojapflanzen ist der Boden nicht nackt. Er ist bedeckt von trockenen, mit schwärzlichen Flecken übersäten Halmen, dazwischen die Fruchtkörper verschiedener Pilze. Kleine, orangene, braungraue mit dunkleren Flecken. „Das Stroh stammt von der Baumwolle, die vorher hier wuchs. Und die Pilze sind ein sichtbares Zeichen für unseren Einsatz von Biostimulanzien“, sagt Farmmanager Colpo. Er zieht eine der Pflanzen aus dem Boden: „Hier, die Wurzeln sind extrem gut ausgebildet. Und diese kleinen Knubbel, die stammen von Knöllchenbakterien, die für die Pflanze Stickstoff sammeln.“
Biostimulanzien, das ist in diesem Fall ein Mix aus Mikroorganismen, der auf den Boden und die Pflanzen darauf wie ein Tonikum und präventives Medikament wirkt. Gleichzeitig kommen auf dieser Fläche weniger Pestizide zum Einsatz. „Hier, auf den Blättern sind keine Schädlinge zu sehen. Wir können Unmengen an Pflanzenschutz sparen, weil die Pflanzen selbst kräftig genug sind“, sagt der Farmmanager. Das heißt nicht, dass bei Scheffer auf Pestizide grundsätzlich verzichtet würde. Aber das Agrarunternehmen bewirtschaftet 200.000 Hektar. Jedes Prozent weniger, das an Chemie in die Umwelt gelangt, macht da etliche Tonnen aus. Trotzdem: Bio ist das nicht.
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Es soll auch nicht beschönigt werden, dass sich hier auf vielen der jetzt so schön grünen Sojafelder noch vor einer Generation ursprüngliche Feuchtsavanne bis zum Horizont erstreckte. Selbst wenn Unternehmen wie gesetzlich vorgeschrieben auf der Hälfte ihres Landes die Natur erhalten, schwindet Lebensraum zugunsten von Farmland. Brasilien hat allein im ersten Halbjahr 2022 ganze 2867 Quadratkilometer Regenwald verloren. Man kann auch kritisieren, dass auf den Flächen viel Soja wächst, welches später in den Futtertrögen europäischer oder amerikanischer Schweine- und Rinderhalter landet. Das ist alles richtig. Aber darum soll es hier nicht gehen.
Brasilien zeigt, wie Farmer in großem Stil mit regenerativer Landwirtschaft experimentieren. Sie suchen nach neuen Wegen, um Pestizide und Dünger einzusparen und weniger Treibstoff zu verbrauchen. Dabei wollen sie die Erträge halten, die Erosion mindern und Klimaschutz betreiben.
Mit dabei sind Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Organisationen, die in regenerativer Landwirtschaft eine wichtige Stellschraube sehen, um die Probleme der Welt anzugehen. Es könnte klappen. Die Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen empfiehlt regenerative Landwirtschaft als zukunftstauglich. In Brasilien ist man weiter als in Deutschland. Es lässt sich nicht einmal genau beziffern, wie groß die Gemeinde der regenerativen Landwirtschaft in Deutschland ist. Eine Zahl, die kursiert: 50.000 Hektar Fläche. Das ist nicht viel. Die Anbaufläche allein von Ackerbohnen liegt in Deutschland bei 59.000 Hektar, ökologische Landwirtschaft wird auf 1,8 Millionen Hektar betrieben. Darum ist Brasilien auch so spannend: Hält das System regenerative Landwirtschaft, was es verspricht?
Helferlein aus dem Boden
Bevor es wieder aufs Feld geht, lohnt sich ein gedanklicher Ausflug in den Regenwald und seinen Boden. Genau hier suchen Forscher nach passenden Organismen, nach geeigneten Helferlein, die irgendwann einmal auch den Boden unter einem Feld beleben könnten. Eines dieser Unternehmen ist Bioma, mit Sitz nahe der Stadt Curitiba, im Süden Brasiliens. Die Fahrt zur Zentrale ist etwas holprig. Der Weg besteht aus rotem Staub und Schlaglöchern. An seinem Ende wartet ein Parkplatz und ein Gebäude, das so gar nicht in die Umgebung passen will. Der Chef selbst empfängt am Eingang und führt durch seine Firma. Es ist eine Mischung aus Start-up und Chemielabor. Alles atmet Fortschritt und Zukunftsglauben. Menschen in weißen Kitteln hantieren mit Kolben, pipettieren Flüssigkeiten … Was sie da machen, ist beim bloßen Schauen nicht nachvollziehbar. Der Chef spart mit Details und spricht lieber von Chancen und von der schwierigen Suche.
Für die Suche nach Mikroorganismen besitzt Bioma mehr als 4000 Hektar Land in Amazonien. Ein Teil davon ist das Versuchslabor der Firma, auf dem die Produkte getestet werden. Ein weitaus größerer und wichtigerer Teil ist die Schatzkiste, in der die Mitarbeiter nach den edelsten Preziosen schürfen. Sie sammeln dort Bodenproben. Dazu muss man verstehen, dass Boden mehr ist als eine bloße Ansammlung von Dreck. Boden ist ein ganz eigenes Universum des Lebendigen, verbunden mit der Oberfläche und der Atmosphäre. In ihm leben Milliarden von Organismen, Tausende und Abertausende Spezies in einer Welt mit eigenen Gesetzen, Lebensgemeinschaften und ewiger Dunkelheit. Der Trick ist nun, unter all den Mikroorganismen diejenigen zu finden, die uns nutzen könnten. Und dazu sucht Bioma im Regenwald den Untergrund ab. Natürlich nicht nur da, sondern in ganz Brasilien. „Hauptkriterium ist das Unberührte, der Untergrund soll möglichst unverdorben sein“, sagt Marcelo de Godoy Oliveira, Gründer von Bioma. Der Grund: In einem natürlichen System, zum Beispiel einem Regenwald, ist die Balance zwischen den Elementen des Lebendigen so austariert, dass nie ein Organismus die Oberhoheit bekommen kann. Im Grunde das genaue Gegenteil unserer Landwirtschaft, die künstlich eine bestimmte Art bevorzugt und mit mehr oder weniger rabiaten Mitteln am Leben erhält. Natürlicherweise hätten unser Mais, Weizen oder Raps keine Chance. Es sind auf ihre Art biologische Krüppel, die in Monokulturen von unseren Gnaden gedeihen.
Im Regenwald leben nun Bakterien, Pilze und Viren, die auch diesen Krüppeln eine Stütze sein können. „Die Suche nach passenden Organismen ist eine Art Lotterie“, sagt de Godoy Oliveira. „Wir sequenzieren die DNA, das Erbgut möglicher Kandidaten.“ Das geschieht automatisch, zurzeit noch an der Universität von Parana, bald aber bei Bioma selbst. „Wir bekommen dazu Maschinen aus Deutschland.“ In der Praxis kann das so aussehen: Bioma bekommt Proben, in denen zum Beispiel Insekten stecken, die an Pilzen gestorben sind. Bioma sucht nun die Art heraus, die den Käfer oder die Raupe gekillt hat. Und identifiziert das entsprechende Gen des Pilzes. Die Suche nach den Organismen markiert allerdings erst den Beginn. Bis die Firma Landwirten ein Produkt an die Hand geben kann, dauert es. Das erste biologische Hilfsmittel auf Basis eines Pilzes ist zehn Jahre, nachdem es jemand aus dem Boden Amazoniens ans Licht geholt hat, zu den Landwirten gekommen.
„Solche biologischen Hilfen haben einige Vorteile gegenüber klassischen Methoden“, sagt de Godoy Oliveira. „Chemie ist mehr und mehr ineffizient.“ Denn chemische Wirkstoffe setzen eindimensional an, beruhen meist auf einem Molekül und seiner bestimmten Wirkung. Für Schadinsekten ist dieses Molekül zunächst tödlich, aber irgendwann schwindet die Wirksamkeit – das Insekt hat eine Resistenz entwickelt, das Pflanzenschutzmittel kann ihm nichts mehr anhaben.
Biologische Mittel dagegen setzen auf lebendige Organismen, die auf ganz unterschiedlichen Ebenen wirken. Eine Resistenzbildung gegen einen Pilz dauert deutlich länger als gegen ein isoliertes Gift. „Oder bleibt sogar ausgeschlossen“, so de Godoy Oliveira. „Das Produkt auf Biobasis zersetzt sich schnell im Boden, und es gibt definitiv keinerlei Rückstände in der Ernte.“
Ist einmal ein Kandidat gefunden, muss der Pilz im nächsten Schritt beweisen, dass er ein Killer ist. „Wir haben eine entomologische Abteilung, die Insekten züchtet und den Pilz auf sie loslässt“, sagt Oliveira. Dabei geht es nicht nur um ein Insekt, sondern um Möglichkeiten, Produkte zu kreieren, die verschiedene Schadinsekten angreifen. Oder ganz anders wirken: „Wir suchen nach Mikroorganismen, die helfen, CO2 besser in den Boden zu verlagern“, sagt Oliveira.
Bioma ist mit der Suche nach Biostimulanzien nicht allein. Auch die brasilianische Agrarforschungsgesellschaft Embrapa sucht nach dem Gold im Boden. Embrapa ist in verschiedene Zweige gegliedert. Die Sojaforscher sitzen in Londrina. „Wir haben uns lange auf Berater aus den USA oder Europa verlassen“, erzählt Marco Antônio Nogueira, Wissenschaftler bei Embrapa. „Wir haben beispielsweise gepflügt, und dann hat uns der Regen immer wieder den Boden genommen.“ Heute gehen sie eigene Wege. Die Versuchsflächen von Nogueiras Team liegen gleich hinter dem Institut. Auch hier stehen Sojapflanzen in Reih und Glied, sie sind noch nicht so hoch wie bei Scheffer. Einige Felder sind auffällig rot, andere dunkler und mit Stroh bedeckt.
„Hier testen wir unsere Biostimulanzien und regenerative Landwirtschaft“, sagt der Forscher und kniet sich ins Feld: „Das Gesamtbild zeigt, wie gut das funktioniert: Der Boden ist dunkler als dort drüben, weil er viel mehr Humus enthält. Die verschiedenen Kulturen, also Baumwolle, Mais und Soja im Wechsel, haben den Untergrund gut durchwurzelt und organische Masse nach unten transportiert.“ Das ist aus mehreren Gründen gut: Der Boden erhält so eine bessere Struktur, die Pflanze kann besser wachsen, ist gesünder. Zudem reichert sich mit dem Humus mehr CO2 im Boden an. „Und wir schützen ihn vor Erosion“, so der Sojaforscher. „Selbst bei Starkregen mit 100 Litern pro Quadratmeter in einer Stunde nimmt der Boden das Wasser auf.“ Das schützt zudem vor Trockenheit.
Brasilien hat lange gebraucht, bis es von einem Land, welches auf Nahrungsmittel von außen angewiesen war, zum „Ernährer der Welt“ geworden ist. Fast 50 Prozent der Exporteinnahmen stammen mittlerweile aus der Agrarproduktion. Weil Brasiliens Landwirtschaft so wichtig für das Land und auch für die Welt ist, sitzt hier viel Know-how. Und entsprechendes Geld. Nicht nur Forschungseinrichtungen suchen nach biologischen Helferlein und den besten Methoden. Auch die Farmen beziehungsweise Agrarunternehmen selbst probieren, forschen und gehen immer wieder neue Wege.
Von der Fischfarm aufs Feld
Bei dem Agrarbetrieb Bom Futuro führt der Weg aufs Feld auch über eine Fischfarm. Bom Futuro liegt genau wie Scheffer im Bundesstaat Mato Grosso und ist sogar noch größer: Das Unternehmen ist der größte Sojaproduzent der Welt. 1,3 Millionen Tonnen Ertrag hat es in der Saison 2021/2022 produziert. Deutschland importiert aus Brasilien insgesamt 1,4 Millionen Tonnen seines Bedarfs von insgesamt 3,59 Millionen Tonnen. Es ist alles eine Nummer größer hier: 615.000 Hektar gehören zum Betrieb. Allerdings sind rund 300.000 Hektar geschützter Wald beziehungsweise Feuchtsavanne. „Ich bin kein Grüner, aber wir tragen Verantwortung für die Natur“, sagt José Maria Bortoli, Gründer und Patriarch von Bom Futuro. Das Unternehmen unterhält ein eigenes Recyclingsystem, kümmert sich um die Mitarbeiter und ihre Familien. Und es wird getüftelt: neue Geschäftsfelder, neue Methoden, Kreativität ist erwünscht. Und da kommen die Fische ins Spiel.
Bom Futuro produziert neben Baumwolle, Soja, Mais und Gemüse auch Tilapia. In kleinem Rahmen, ohne dem See zu schaden. Die Fischfilets enden in Kühlboxen. Kopf, Gräten, all die Teile, die man nicht auf dem Teller haben will, die aber voller Nährstoffe sind, landen in einer unscheinbaren Halle. „Die Fischreste werden hier fermentiert, wir packen noch bestimmte Bakterien und Melasse dazu.“ Was genau, ist Betriebsgeheimnis. Denn in der Forschung steckt viel Geld, und das Potenzial der Biostimulanzien ist enorm. Zwischen 30 und 90 Prozent der Pflanzenschutzmittel lassen sich einsparen, sagen Farmer, Forscher und Hersteller einvernehmlich. Das kann sich im Zuge immer kritischerer Verbraucher auch als ein Marktvorteil herausstellen. Von der Fischbrühe etwa, die fermentiert gar nicht mal so schlecht riecht, wie man vermuten würde, reichen zwei Liter auf einen Hektar. Als wenn jemand mit einem Teelöffel übers Feld wandern würde.
Damit mit dem Etikett kein Schindluder getrieben wird, gibt es mittlerweile auch Ratingagenturen, die Zertifikate für Flächen ausgeben, die unter regenerative Landwirtschaft fallen. Amanda Pietrobon arbeitet für Control Union Certifications. Die international tätige Londoner Agentur begutachtet unter anderem Unternehmen, die am runden Tisch für verantwortungsvollen Soja-Anbau beteiligt sind. Und die Firma hat ein Zertifizierungssystem für regenerative Landwirtschaft erarbeitet. „Die Betriebe müssen Auskunft zu verschiedenen Aspekten geben“, sagt Pietrobon. „Das reicht vom eingesetzten Pflanzenschutz bis hin zu natürlich belassenen Flecken.“ Dann überprüft die Agentur die Angaben. Und wenn alles passt, gibt es das Zertifikat.
Unterm Strich wird damit aus einem Agrarunternehmen kein Biobauernhof. Aber es ist ein Weg hin zu mehr verantwortungsvollem Wirtschaften. Und es ist auch ein Ansporn für die Betriebe. So ist Scheffer sehr stolz auf das Zertifikat. Das Unternehmen war das erste, das überhaupt zertifiziert wurde. 4000 Hektar sind bereits mit diesem Siegel versehen. „Und wir planen, weitere Flächen zertifizieren zu lassen“, sagt der Farmmanager Emerson Colpo. Die Rede ist von 60.000 Hektar in diesem Jahr.
Es sind große Ziele. Aber manchmal sind sie auch sehr klein. Colpo zeigt auf einen kleinen Grashüpfer, der auf einem Sojablatt sitzt. „Das hätte es vor Jahren nicht gegeben. Seit wir so arbeiten, haben wir auch wieder mehr Insekten und Vögel. Das ist gut.“
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