Bernstein bietet ein einzigartiges Archiv des Lebens vergangener Zeitalter. Eingeschlossen im versteinerten Harz werden kleine Tiere und Pflanzenteile dreidimensional mit allen Einzelheiten konserviert. Vor allem in einer besonders harzreichen Phase der Kreidezeit im Zeitraum zwischen 125 Millionen und 72 Millionen Jahren entstanden zahlreiche Bernsteinfossilien. Die meisten bisher bekannten Funde stammen allerdings von der Nordhalbkugel. Abgesehen von einzelnen Vorkommen im Mittleren Osten sowie in Zentralafrika fehlen Bernsteineinschlüsse aus südlicheren Gefilden fast völlig – und damit auch Zeugnisse vom ehemaligen Superkontinent Gondwana.

Insekten in südamerikanischem Bernstein
Ein Team um Xavier Delclòs von der Universität Barcelona in Spanien hat nun im Genoveva-Steinbruch in Ecuador große Bernsteinvorkommen mit zahlreichen Einschlüssen entdeckt. „Der Bernstein von Genoveva ist das größte Bernsteinvorkommen aus dem Erdmittelalter in Südamerika und eines der wenigen Vorkommen in der südlichen Hemisphäre“, berichten die Forschenden. „Im Bernstein sind Insekten und Spinnentiere aus mindestens sechs Ordnungen gut erhalten.“ Dazu zählen unter anderem Fliegen, Käfer und Hautflügler, also frühe Verwandte von Ameisen und Wespen. Außerdem entdeckten die Forschenden im Bernstein konservierte Spinnweben.
Pflanzliche Einschlüsse fanden Delclòs und seine Kollegen hingegen nicht. In der direkten Umgebung des Bernsteins befanden sich aber auch zahlreiche Pollen und fossile Pflanzenteile. Viele der Pollen stammten von sogenannten Araukarien, also südamerikanischen Koniferen, die heute auch als Schmucktanne bekannt sind. Geochemische Analysen des Bernsteins ergaben, dass dieser wahrscheinlich aus dem Harz dieser Bäume entstand – und zwar nicht nur oberirdisch: Zusätzlich zu dem Bernstein aus an der Luft getrocknetem Harz fanden die Forschenden auch große Bernsteinbrocken, die sich offenbar um die Wurzeln der harzproduzierenden Bäume gebildet haben. „Dieser Wurzel-Bernstein kann bis zu 40 Zentimeter groß sein und ist oft kugelartig geformt“, berichtet das Team.
Einblicke ins kreidezeitliche Ökosystem Gondwanas
Die neue Bernsteinfunde öffnen ein Fenster in die Zeit der Entstehung der Fossilien vor 112 Millionen Jahren. „Die neuen paläobotanischen Belege deuten auf einen vielfältigen, feuchten Wald hin“, erläutert das Forschungsteam. „Pollen und Pflanzenmakrofossilien zeigen eine Fülle von Farnen und farnartigen Pflanzen, die wahrscheinlich im Unterholz und/oder in der Nähe von Gewässern wuchsen, in einem Wald, der von harzigen Araukarienbäumen dominiert wurde.“ Diese Interpretation wird auch durch die im Bernstein eingeschlossenen Insekten unterstützt, denn die Larven mehrerer Arten entwickeln sich im Wasser.





