Für die Gestaltung engagierte der Großherzog 1911 den Bildhauer Bernhard Hoetger, dessen Arbeiten zwar dem Expressionismus zugeordnet werden, aber gleichzeitig stark vom Jugendstil geprägt wurden. Die Präsentation seiner Statuen und Plastiken fand 1914 auf der vierten Ausstellung der Künstlerkolonie statt. Sie war die letzte, die auf der Mathildenhöhe zustande kam. Noch während die Werke ausgestellt wurden, brach der Erste Weltkrieg aus. Glücklicherweise überstand der Platanenhain beide Weltkriege, so dass er heute das deutschlandweit größte expressionistische Gesamtkunstwerk im öffentlichen Raum ist.
Für seine Arbeiten in Darmstadt fokussierte sich Hoetger auf den Kreislauf des Lebens. Die über 40 Plastiken und Skulpturen spiegeln verschiedene Zyklen wider wie die der Sonne und des Wassers sowie Tages- und Jahreszeiten. Der etwa 125 Meter lange und 40 Meter breite Platanenhain, der Mitte des 19. Jahrhunderts angelegt wurde, bot für die Aufstellung der Kunstwerke einen hervorragenden Ort. Vier große Reliefs zeigen „Frühling“, „Sommer“, „Schlaf“ und „Auferstehung“. Neben buddhistischen und ägyptischen Motiven ließ sich Hoetgers auch von hinduistischer und romantischer Lyrik inspirieren.
Das zentrale Hauptwerk des Platanenhains ist die Skulptur „Sterbende Mutter mit Kind“. Hoetger verewigte damit eine Freundin, die Künstlerin Paula Modersohn-Becker, die 1907 im Alter von 31 Jahren starb – keine drei Wochen nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde.
Das Museum Künstlerkolonie in Darmstadt widmet Hoetger noch bis zum 25. August 2013 eine Sonderschau. Zusätzliche zu den Skulpturen auf dem Platanenhain zeigt das Museum Beispiele aus Hoetgers Frühwerk und wichtige Plastiken, die in seiner Zeit in Paris entstanden.
Im Begleitkatalog zur Ausstellung geben die Herausgeber, Philipp Gutbrod und Ralf Beil, einen interessanten Einblick in das künstlerische Programm des Bildhauers, der Anfang des 20. Jahrhunderts versuchte, verschiedene Kunststile und -epochen zu einer Weltkunst zu verbinden.
Der Katalog erscheint in einer deutsch-englischen Ausgabe. Gewinnbringend sind besonders die Quellentexte und die Niederschrift der Reliefinschriften beispielsweise des ägyptischen Pharaos Echnaton oder des deutschen Dichters Friedrich Rückert, die Hoetger in seinen Werken verwendete.
Das Buch überzeugt durch seine zahlreichen hochwertigen und größtenteils farbigen Fotografien. Neben Detailabbildungen der Statuen gibt es vielzählige Fotografien des Platanenhains zu verschiedenen Jahreszeiten und Aufnahmen aus der Luft – eine Perspektive, die dem Besucher normalerweise verwehrt bleibt. Den tatsächlichen Besuch der Mathildenhöhe nimmt der Katalog aber keineswegs vorweg.




