Am 8. August 1736 schrieb der preußische Kronprinz Friedrich an den damals bereits als Geistesgröße von europäischem Rang geltenden Franzosen Voltaire einen Brief, in dem er ihn um die Zusendung seiner Werke bat. Ihre Korrespondenz sollte bis zu Voltaires Tod im Jahr 1778 anhalten. Schon bald lud Friedrich ihn nach Preußen mit den Worten ein: „Berlin werde Athen! Wenn es imstande ist, Herrn von Voltaire an sich zu binden, so wird es unfehlbar eine der berühmtesten Städte Europas werden. Kommen Sie in ein Land, wo man Sie verehren wird. Möge Ihr Genie in dem neuen Athen seinen Förderer finden!“ Und der so Umschmeichelte schrieb zurück: „Ich habe jetzt erkannt, dass es in der Welt einen Fürsten gibt, der wie ein Mensch fühlt, einen Fürst-Philosophen, der für seine Staaten das Goldene Zeitalter herbeiführen könnte.“ Dies – so liest man bis heute – war der Anfang einer engen Freundschaft zwischen zweien der bedeutendsten Männer des 18. Jahrhunderts. Im Grunde aber begann so ein überaus spannungsreiches Verhältnis zwischen zwei Egomanen, die jedoch beide, nicht zuletzt aus Eigennutz, daran festhielten.
Was verband sie? Voltaire (so nannte sich der 1694 geborene Sohn eines reichen Pariser Anwalts, François-Marie Arouet, seit seinen Erfolgen als Dramatiker wie als Historiker und Philosoph) ging es darum, außerhalb Frankreichs einen fürstlichen Förderer zu finden, um sich am Hof von Versailles, von wo man ihn wegen seiner Kritik an der katholischen Kirche aufs Land verbannt hatte, zu empfehlen. Und Friedrich, der im Mai 1740 seinem Vater auf dem preußischen Thron folgen sollte, versprach sich von der Nähe zu Voltaire eine Aufwertung als Größe des geistigen Lebens. In der Tat hat der Umgang zwischen beiden zum Ruhm des Preußenkönigs beigetragen, denn der beruhte ja nicht nur auf seinen politischen und militärischen Erfolgen, sondern auch auf seinem Kunstgeschmack und auf seiner musikalischen wie literarischen Be‧gabung. Der Umgang mit Voltaire festigte dazu noch den Ruf Friedrichs als roi-philosophe. Denn nach dem berühmten Satz Platons in seiner Schrift über den Staat sollte politische Herrschaft ja dadurch geprägt sein, dass entweder die Philosophen Könige oder umgekehrt die Könige zu Philosophen würden. Dem maß man gerade im Zeitalter des „aufgeklärten Absolutismus“ viel Bedeutung bei. Wenn man Friedrich II. als den „Großen“ bezeichnet, so hat dies auch mit seinem Anspruch zu tun, dem Herrscherideal seiner Zeit zu entsprechen.
Was führte nun beide zusammen? Voltaire hatte damals große Schwierigkeiten mit der Regierung in Versailles und sich aus Paris nach Lothringen zurückgezogen. Er fühlte sich dadurch geschmeichelt, dass ein künftiger König um seine Gunst buhlte. Und Friedrich sah wohl zu Beginn ihrer Beziehung in dem fast zwei Jahrzehnte älteren Voltaire auch so etwas wie eine väterliche Figur, hatte er doch durch seinen leiblichen Vater, den berüchtigten „Soldatenkönig“, im Hinblick auf seine schöngeistigen Interessen nur Verachtung und Zurücksetzung erfahren. Erst als er in seinen letzten Jahren als Kronprinz auf Schloss Rheinsberg, ein gutes Stück nordwestlich von Berlin, eine Art Musenhof etabliert hatte, war es ihm gelungen, sich von der übermächtigen Vatergestalt zu lösen. Voltaire an sich zu binden entsprach also mit seinem Bedürfnis nach einer geistigen Autorität, der er sich rückhaltlos anvertrauen konnte. Entsprechend groß war seine Enttäuschung, als er später merkte, dass auch ein Voltaire nicht ohne menschliche Schwächen war.




