Nun kann man Debatten natürlich am heißesten dort führen, wo vieles unklar ist und im Nebel bleibt – und damit zwangsläufig viele Deutungen zulässt. Oder man führt sie dort, wo eine ganze Reihe von Einzelergebnissen sich einfach nicht zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammenfügen will.
Beides trifft auf die Mechanismen der Speziation zu. Klar scheint heute nur, dass bei erfolgreichen Artbildungsprozessen derart viele Faktoren mitspielen (müssen), dass allzu einfache mechanistische Modelle dem gesamten Phänomen nicht gerecht werden können.
Nehmen wir beispielsweise die klassische Vorstellung, dass neue Arten durch die Aufspaltung einer existierenden Linie in eine ursprüngliche und eine abgeleitete Art entstehen. Aus Eins mach Zwei also. Dass das nicht alles ist, weiß die Pflanzenforschung schon lange. Vielfach ist in ihrem Metier etwa die Artbildung durch Hybridisierung beschrieben, wonach zwei Spezies die Bildung einer dritten, abgeleiteten Spezies durch Verschmelzung ermöglichen. Gängigstes Resultat eines solchen „Aus Zwei mach Drei“ sind die vielen sogenannten tetraploiden Hybridarten mit vierfachem statt zweifachem Chromosomensatz.
Zur Freude der Zigarettenindustrie
Interessanterweise brachte gerade die Züchtung ertragreicherer Nutzpflanzen viele solcher Hybridarten hervor. Zum Beispiel freut sich die Zigarettenindustrie bis heute über die Züchtung des Tabaks Nicotiana tabacum durch die Hybridisierung der Arten Nicotiana sylvestris und Nicotiana tomentosiformis. Denn dadurch entstand aus den zwei Eltern-Pflanzen mit jeweils zweimal 12 Chromosomen ein neuer Verwandter mit viermal 12 Chromosomen. Die heutzutage angebauten Hafer-, Raps- und Baumwoll-Arten blicken auf ein analoges Muster zurück. Und manchmal trieben die Züchter die Optimierung sogar noch einen Schritt weiter und verschmolzen eine tetraploide Hybridart nochmals mit einer verwandten Spezies. Aus diesem Grund beherbergt etwa der Brotweizen Triticum aestivum einen sechsfachen Chromosomensatz in seinen Zellkernen.
Wer jetzt allerdings meint, dass diese Art der Züchtung unnatürlich sei, liegt falsch. Auch in der Natur hybridisieren Arten nach dem Muster „Aus Zwei mach Drei“. Nur ein Beispiel von vielen: 1979 entdeckten englische Botaniker auf den Wiesen von Yorkshire erstmals ein neues Geißkraut und tauften es Senecio eboracensis. Weiter verbreiten konnte es sich allerdings nicht mehr, denn zur Jahrtausendwende hatten Unkrautvernichtungsmittel die neue Art bereits wieder ausgelöscht. Erst 2003 stellte man posthum mit einer Probe fest, dass die tetraploide Geißkraut-Art ihr viel zu kurzes Dasein einer Hybridisierung von Senecio squalidus und Senecio vulgaris verdankte.
Und noch der Vollständigkeit halber: Die Hybridisierung zweier existierender Arten zu einer neuen Spezies funktioniert bisweilen auch ohne Änderung der Chromosomenzahl – das heißt dann homoploide Hybridspeziation. Einige Sonnenblumen-Arten oder die Schwertlilie Iris nelsonii starteten beispielsweise ihre Etablierung als eigene Spezies auf diese Weise.





