Über das, was in Rom im August 410 wirklich passierte, lässt sich tatsächlich nicht viel mehr aussagen als das, was in diesen schlichten Sätzen formuliert wird. Stattdessen haben sowohl die zeitgenössischen als auch spätere Darstellungen den August 410 in sehr subjektiver Weise interpretiert, auch deformiert und für religiöse oder politische Zwecke instrumentalisiert.
Das gilt für die zeitnahen christlichen Quellen (wie etwa Hieronymus und Augustinus), die byzantinische und mittelalterliche Historiographie (wie Prokop oder Otto von Freising), aber auch für die Rezeption des Ereignisses in der neueren Geschichtswissenschaft. Die Beispiele Edward Gibbon, Ferdinand Gregoro‧vius, August W. Grube, Felix Dahn und Wilhelm Capelle sprechen da ebenso Bände wie die jüngeren Darstellungen von Herwig Wolfram (1979) und Michael Kulikowski (2007).
Rechtzeitig zum 1600. Jubiläum jenes vermeintlich so bekannten, den Niedergang der einst ruhmreichen Stadt symbolisierenden Szenarios, das die gotische Eroberung Roms umschreibt, erscheint diese anregende, gedankenreiche Publikation als instruktives Korrektiv und spannendes Experiment. Einmal mehr stellt sich nach dessen Lektüre die Frage, was eigentlich die Geschichte ausmacht: Sind es die Vorgänge selbst oder nicht doch vielmehr der Umgang der Zeitgenossen und der Nachwelt mit diesen Vorgängen?
Sympathisch, wenn auch nicht ganz unproblematisch, ist der methodische Ansatz der Autoren, Geschichte einfach als das Ergebnis menschlichen Handelns zu erzählen. So wird dem Leser ein lebendiges Stück der Rezeption von Geschichte vermittelt, wobei es allerdings nicht der inflationären Verwendung von Ausrufezeichen bedurft hätte. Und gerne hätte man auch statt der vielen kommentierenden Text-Paraphrasen noch etwas mehr Originaltexte geboten bekommen. Alles in allem aber ist das Buch von Meier und Patzold sehr zur Lektüre zu empfehlen.
Rezension: Prof. Dr. Holger Sonnabend




