von Christian Jung
Wir erfahren die Welt durch unsere Sinne. Hören, Schmecken, Riechen, Tasten – allesamt enorm wichtige Reizempfänger. Doch bis zu 80 Prozent seiner Sinneseindrücke gewinnt der Mensch allein durch das Sehen. „Wenn man sich auf ein Universalprinzip verständigen müsste, dass möglichst viele Organismen auf der Erde vereint, dann wäre das wohl der Sinn zum Erfassen von Licht und Helligkeit“, sagt Jan Kremers, Leiter der Augenklinik am Universitätsklinikum Erlangen. Bereits primitivste Einzeller reagieren auf Lichteinfall. Pflanzen- oder Tierarten, die keine Reaktion auf entsprechende Reize zeigen, gibt es kaum.
„Sehen zu können, ist im täglichen Kampf ums Überleben ein unschätzbarer Vorteil“, bekräftigt Ursula Siebert, Leiterin des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung der Tierärztlichen Hochschule Hannover: „Egal, ob es nun darum geht, selbst etwas zu fressen zu finden oder darum, Fressfeinden zu entkommen.“ Die Augen und deren verschiedene Varianten gelten besonders wegen der Vielzahl ihrer perfekt an die jeweiligen Umweltbedingungen angepassten Bauformen als Musterbeispiel für Podest- und Zwischenstufen evolutiver Prozesse. Schon Charles Darwin meinte, kein Organ sei so perfekt auf die zu leistenden Anforderungen eingestellt wie die Augen. „Die Annahme, dass das Auge mit all seinen faszinierenden Möglichkeiten durch natürliche Zuchtwahl entstanden sei, erscheint, wie ich offen bekenne, im höchsten Maße absurd“, schrieb der bekannte Evolutionstheoretiker 1895 in seinem Werk „The Origin of Species – Die Entstehung der Arten“.
Die Evolution der Sehapparate
Doch fossile Funde und Analysen gekoppelt mit Modellierungen ergeben ein stimmiges Bild. Demnach sind alle heute bekannten Augentypen innerhalb von nur 100 Millionen Jahren Evolution entstanden. Die Entwicklung begann vermutlich mit einzelnen Zellen, die sich zu Lichtsinneszellen spezialisierten. Die ersten Mehrzeller in den Ozeanen besaßen daher wohl lediglich einzelne, verstreut liegende Lichtsinneszellen, mit denen sie Licht und Dunkelheit unterscheiden konnten.
Die erste zarte evolutive Weiterentwicklung findet sich beim Regenwurm. Bei ihm und mancher Muschelart versammeln sich einige dieser Lichtsinneszellen in einer kleinen, kaum ausgeprägten Vertiefung. Auch von Quallen, Seesternen und Seeigeln kennt man heute solche Flachaugen. Durch die Bündelung der Zellen kann das Tier Hell-Dunkel-Erscheinungen in Kontur und Dauer ebenso wie Schatten wahrnehmen, die womöglich das Herannahen von Fressfeinden ankündigen.
Zu den ersten richtigen Gehversuchen in der Evolution der optischen Wahrnehmung kam es jedoch erst danach, als die Sehzellen gegenüber dem sie umgebenden Gewebe absanken und sich eine deutlichere Vertiefung ausbildete. Durch diesen einfachen, aber wirkungsvollen Kniff sind die Lichtsinneszellen zum einen besser geschützt, und zum anderen lässt sich grob die Richtung erfassen, aus der das Licht einfällt. Denn bei seitlicher Bestrahlung werden die abgesenkten Rezeptoren nicht alle gleich angestrahlt.





