Die starke Neigung der Tiroler Geschichtsschreibung zur Heldenverehrung zeigt sich am Beispiel Andreas Hofers und der Erhebung von 1809 besonders deutlich. In diesem Zusammenhang stellt sich allerdings die Frage, wofür oder wogegen die Tiroler eigentlich gekämpft haben. Sicher gegen die Ideen der Aufklärung, die auch in Tirol abgeschwächt Fuß fassen konnten, für den Absolutismus und den habsburgischen Obrigkeitsstaat, gegen die bürgerlichen Freiheiten, auch gegen das napoleonische System und den Zentralismus der Bayern.
Dabei wird verdrängt, dass es neben den Tiroler Freiheitskämpfern auch oppositionelle Stimmen zum Aufstand von 1809 gab. Diese kamen besonders aus dem liberalen Bürgertum der Städte, aus Intellektuellenkreisen und zum Teil auch aus dem gemäßigten Klerus. Wer denkt im Umfeld von 1809 auch an die zahlreichen Armen, Arbeitslosen und Arbeitsunfähigen (Kinder, Behinderte und Greise), deren an sich schon schwierige soziale Lage sich durch das Kriegsgeschehen noch weiter verschlechterte? Um 1809 gab es in Tirol rund 43500 Hilfsbedürftige und 15500 Arme bei einer Gesamteinwohnerzahl von etwa 618000 Menschen. Jeder zehnte Tiroler lebte demnach an der Grenze des Existenzminimums. Auch diese Tatsachen sollten bei einer Gesamtbetrachtung der Ereignisse von 1809 nicht vergessen werden.
Was bedeutet nun aber 1809 für unsere Gegenwart? Wird auf die Identitätskrise Tirols hingewiesen, so erschallt gleichzeitig oft der Ruf nach den Tugenden der Väter. Diese Perspektive wurde lange Zeit von einer allzu einseitigen Geschichtsschreibung gestützt. Hier stand eine Geschichtsauffassung im Vordergrund, die, um langlebige Prozesse und Strukturen aufzuzeigen, das Konzept der Staatsbildung mit dem der Nationalstaatsbildung verknüpft hat.
Wirtschaft und Gesellschaft sind dabei stark vernachlässigt worden. Die Gründe für diese einseitige Betrachtung lagen in der Zersetzung der Synthese von bürgerlicher Freiheit und staatlicher Macht im politischen Bild des Historismus durch das Scheitern der Revolution von 1848/49, in der Stützung einer nationalstaatlichen Machtpolitik durch den Historismus, in der Entwicklung eines allgemeinen Begriffs historischen Lebens unter Berufung auf eine bestimmte politische Ethik durch den Historismus und im gleichzeitigen Übersehen der sozioökonomischen Bedingungen menschlichen Handelns. Diese Fehlentwicklungen führten zu einer scharfen Trennung von historischen und systematischen Methoden der Sozialwissenschaften.
Hinzu kam die kritische Einstellung der politischen Pädagogik dem Bildungsangebot des Historismus gegenüber, das unzureichend war, weshalb die Historie Erkenntnisse aus anderen Wissensgebieten aufnehmen musste. Dieser Wandel in der Geschichtswissenschaft, der sich besonders in der Veränderung des politisch-gesellschaftlichen Kontexts der Historie, in der Auseinandersetzung der Geschichte mit den systematischen Sozialwissenschaften, in den neuen Kriterien von Wissenschaftlichkeit der Wissenschaftstheorie und in der Herausforderung durch die marxistische Geschichtstheorie manifestiert, erforderte auch neue Interpretationen und Perspektiven der Landesgeschichtsschreibung. Nicht mehr die „Haupt- und Staatsaktionen“ und die „großen Männer“ stehen allein im Vordergrund des historischen und politischen Inter-esses, sondern auch das Alltagsleben sowie gesellschaftliche Strukturen und Kräfte.




