Wie Stefan Wolle in seiner Gesamtdarstellung zeigt, unterschied sich die Entschlossenheit der SED-Führung, den Wandel zu kanalisieren und ihr Herrschaftsmonopol zu bewahren, aber erheblich von den Reformen, die in Westdeutschland eingeleitet wurden. Vom kulturpolitischen „Kahlschlag“ auf dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED 1965 bis zum Abbruch des „Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung in der Wirtschaft“ in den späten 60er Jahren – die Ost-Berliner Machthaber traten kräftig auf die Bremse, wenn sich der Wandel ihrer zentralen Kontrolle zu entziehen schien. Die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ im August 1968 verlieh den Gralshütern des dogmatischen Marxismus-Leninismus im Politbüro kräftig Auftrieb, bevor die Reformhoffnungen nach dem Machtwechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker (Mai 1971) in einer Ausweitung der Sozialpolitik versandeten, welche die DDR letztlich überforderte.
Wolle versteht es, die übergreifenden Prozesse anhand einzelner Ereignisse, Personen und vor allem literarischer Werke in einer oft metaphorischen Sprache zu veranschaulichen. Auch wenn der Bezug der von ihm erwähnten und oft zu ausführlich zitierten Romane zu den Problemen der 60er Jahre nicht durchweg deutlich wird, vermittelt das flüssig geschriebene Buch vielfach treffende Einsichten. So interpretiert der Autor den Mauerbau pointiert als „Stubenarrest auf unbestimmte Zeit“, und der Regimekritiker Wolf Biermann wird gegenüber den konformen Künstlern als „der bunte Vogel unter dem grauen Nutzvieh des volkseigenen Hühnerhofes“ charakterisiert.
Nur vereinzelt finden sich sachliche Fehler. Außerdem bleibt leider der – naheliegende – Vergleich mit der Bundesrepublik unterbelichtet, während der Einfluss des westdeutschen Staates auf die ostdeutsche Gesellschaft und die Politik des SED-Regimes deutlicher hervortritt. Alles in allem bietet Wolle aber einen farbigen Überblick über die wechselvolle und widersprüchliche Geschichte der DDR in den 60er Jahren.
Rezension: Prof. Dr. Arnd Bauerkämper




