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Auf zu neuen Ufern
Es ist kurz vor Mitternacht, und der Strand von Marina di Ascea wirkt seltsam verwaist. Noch vor wenigen Stunden wuselten hier fröhlich Familien umher, jetzt ist sogar das Meer kaum zu hören. Nur kleine Wellen, die leise der Uferlinie entlang krabbeln. Im Osten ragen die Hügel des Cilento als dunkle Masse in den…
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von KURT DE SWAAF
Es ist kurz vor Mitternacht, und der Strand von Marina di Ascea wirkt seltsam verwaist. Noch vor wenigen Stunden wuselten hier fröhlich Familien umher, jetzt ist sogar das Meer kaum zu hören. Nur kleine Wellen, die leise der Uferlinie entlang krabbeln. Im Osten ragen die Hügel des Cilento als dunkle Masse in den Nachthimmel, der Halbmond indes steht schon weit im Südwesten. Sein bleicher Schein hat keine Chance gegen den Superstrahler, der vom mehreren, hundert Meter entfernten Strandpavillon herüberleuchtet. „Lichtverschmutzung“, sagt Sandra Hochscheid knapp. In ihrer Stimme schwingt leichte Verärgerung mit. Die Meeresbiologin der Zoologischen Station Neapel sitzt am Rande des flachen Dünenstreifens und wartet. „Gestern Abend war eine da“, berichtet sie. Mit etwas Glück wird das Tier heute wieder an Land kommen. Und endlich Eier legen.
Hochscheids Geduld gilt einer geradezu urzeitlich anmutenden Kreatur: Caretta caretta, die Unechte Karettschildkröte. Diese mitunter deutlich mehr als einen Meter langen und über 200 Kilogramm schweren Meeresreptilien sind echte Kosmopolitinnen. Sie unternehmen lange Wanderungen und kommen in praktisch allen tropischen und subtropischen Regionen vor. So auch im Mittelmeer. Die Tiere nisten dort seit jeher im östlichen Teil. Wichtige Brutplätze sind unter anderem die griechische Insel Zakynthos im Ionischen Meer, der Strand von Dalyan an der türkischen Südwestküste und die Bucht von Chrysochou auf Zypern. Dank vieler Schutzmaßnahmen hat sich die mediterrane Population der Caretta caretta in den vergangenen Jahrzehnten erfreulich gut entwickelt. Der Bestand, einst arg dezimiert, wächst wieder. Aktuell werden jährlich im gesamten Mittelmeerraum circa 13.000 Nester gezählt.
Wandernde Art
Hochscheid ist in dieser Julinacht nicht allein. Ihre Truppe in der südwestlichen Region Kampanien besteht aus fünf weiteren Forscherinnen und Freiwilligen. In der Bucht von Salerno und an anderen Abschnitten der Cilento-Küste sind zusätzliche Teams unterwegs. Die Aufgabe lautet: jedes strandaufwärts kriechende Schildkrötenweibchen erfassen, beobachten, und, sollte das Tier ein Nest anlegen, dessen Position genau dokumentieren und es einzäunen. Das klingt einfacher, als es ist. Meeresschildkröten trauen sich schließlich nur in der Dunkelheit an Land, damit sie möglichst nicht gesehen werden. Abgesehen davon sind sie im Sand trotz ihres Gewichts oft erstaunlich flink unterwegs. Wer an der Wasserlinie entlang patrouilliert, kann leicht an einer nur wenige Meter landeinwärts entfernten Schildkrötendame vorbeilaufen, ohne diese zu bemerken. Doch zum Glück gibt es da noch die typischen Spuren. Nach denen müsse man vor allem Ausschau halten, so Hochscheid.
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Die nächtliche Suche ist Teil des Projekts „Life Turtlenest“, welches überwiegend von der Europäischen Union finanziert wird. Das Vorhaben soll den Schutz der neuen Nistgebieten von Caretta caretta im westlichen Mittelmeerraum vorantreiben. Seit etwa zwölf Jahren breiten sich die Tiere nämlich rapide dorthin aus. Eine Rückkehr? Nein, betont Hochscheid. Es sei tatsächlich eine Neubesiedlung. Die Strände an den spanischen, französischen und westitalienischen Küsten boten den Meeresschildkröten bisher keine geeigneten Nistplätze, weil die lokalen Sommertemperaturen schlicht nicht ausreichten. Aber dann kam der Klimawandel. Das Mittelmeer ist von der globalen Erwärmung überdurchschnittlich stark betroffen, und so findet Caretta caretta nun auch im Westen gute Bedingungen für die Eiablage. Sie nimmt dieses Angebot offenbar gern an. Obwohl Meeresschildkrötenweibchen grundsätzlich darauf gepolt sind, an ihre Geburtsstrände zurückzukehren, folgen nicht alle dem Ruf der Heimat. Wie bei vielen anderen Wandertierarten auch gibt es einen gewissen Prozentsatz an Pionierinnen: Sie dringen ins Unbekannte vor und kolonisieren neue Lebensräume. Ein kluger Kniff der Evolution. So können die Spezies auf ökologische Veränderungen reagieren und ihr Überleben sichern.
Die aktuelle Ausbreitung verläuft verblüffend schnell. Bis 2012 wurden aus dem westlichen Mittelmeerbecken insgesamt nur 13 Schildkrötennester gemeldet, danach gingen die jährlichen Zahlen rapide in die Höhe. 2023 erfasste man allein in Italien 293 Gelege, 2024 waren es 600 – der bisherige Rekord. Und die Dunkelziffer könnte hoch sein, wie Hochscheid erläutert. Gerade von unberührten Stränden in Naturschutzgebieten und abgelegenen Arealen gebe es nur wenige Beobachtungen. Dort werde kaum gesucht. Dass so viele Meeresschildkröten jetzt westwärts ziehen, liege natürlich auch am Erfolg der Schutzbemühungen im östlichen Mittelmeerraum, meint die Expertin. Je dichter die Population, desto mehr Tiere gehen auf Wanderschaft.
Nistplätze neben Strandrestaurants
Am nächtlichen Strand von Marina di Ascea fließt die Zeit weiter träge dahin, bis plötzlich Hochscheids Mobiltelefon klingelt. Zwei ihrer Helferinnen haben eine Schildkröte gefunden. Die Forscherin greift ihren Rucksack und läuft los. „Das Tier ist einige hundert Meter weiter südlich an Land gekommen“, erklärt sie. Hochscheid steuert einen roten Lichtpunkt an – die Stirnlampe einer ihrer Assistentinnen. Die zwei Frauen berichten flüsternd von ihrem Fund und deuten landeinwärts. Die Schildkröte liegt in der Nähe eines Strandrestaurants und ist nur vage als dunkler Schatten erkennbar. Eine Sandfontäne schießt in die Höhe. Offensichtlich gräbt sie.
„In dieser Phase sind sie sehr empfindlich gegenüber Störungen“, sagt Hochscheid. Dann schleicht die Wissenschaftlerin in einem großen Bogen zum Restaurant, um potenzielle Schaulustige fernzuhalten. Leider nutzt das nichts. Das Tier fühlt sich vielleicht schon bedrängt, oder die Stelle gefällt ihm nicht. Es hört auf zu graben. Zehn Minuten später robbt die Schildkröte wieder zurück zum Meer. Es ist dasselbe Exemplar, welches die Forscherinnen vorige Nacht fanden. Sie haben das Weibchen auf den Namen Antonella getauft und ihm einen Sender auf dem Rückenpanzer befestigt. Kurz bevor es das Wasser erreicht, hält das Tier einen Moment inne. Hochscheid nähert sich der Schildkröte, um den Halt des Senders zu überprüfen. Antonella zappelt jedoch kräftig und lässt sich auch zu zweit nur schwer bändigen. Eine Minute später darf sie weiter. Das Gerät sitzt gut fest, Hochscheid ist zufrieden. Die Forscherin schaut dem Reptil im roten Licht der Stirnlampen nach, bis es in den Wellen untertaucht. Und jetzt?
„Erfolglose Nistplatzsuchen wie diese kosten die Tiere Energie“, erklärt Hochscheid. Das sei auch für die Forschung relevant. Um die Belastung durch den Landgang abschätzen zu können, erfassen die Helferinnen die gesamte Spurlänge – wichtige Daten für das LIFE-Projekt. Antonella dürfte übrigens zwischen 25 und 30 Jahre alt sein, fährt Hochscheid fort. Selbstverständlich habe man sie letzte Nacht auch vermessen. Die Carapax-Länge, die des Rückenschilds also, beträgt 74 Zentimeter. Das Gewicht schätzt die Expertin auf 50 bis 60 Kilo. Ob die Schildkröte in den nächsten Stunden noch einmal an den Strand kommen wird, lässt sich nicht vorhersagen. „Oft bleiben die Weibchen vor Ort und versuchen es praktisch an derselben Stelle wieder“, berichtet Hochscheid. „Es kann aber auch sein, dass sie mehr als hundert Kilometer weiter schwimmen.“ So nistete zum Beispiel ein im Cilento besendertes Tier im gleichen Sommer in Kalabrien, also an der Südspitze der italienischen Halbinsel.
Bei der Nahrung wenig wählerisch
Die zunehmende Nutzung italienischer, französischer und spanischer Strände als Brutstätten mag eine neue Entwicklung sein, doch präsent ist Caretta caretta im westlichen Mittelmeer schon lange. Die Schildkröten durchstreifen das Becken seit jeher zur Futtersuche. Sie gelten als echte Opportunistinnen, die ein sehr breites Nahrungsspektrum haben. Jungtiere leben zunächst im offenen Meer und fressen dort in erster Linie pelagisches Getier, also im offenen Wasser frei schwimmende Kleinkrebse, Quallen und Salpen. Nach ein paar Jahren zieht es sie dann zunehmend in die flacheren Schelfgebiete. Dort stehen hauptsächlich Krabben, Schnecken und Muscheln auf dem Speiseplan. „Mit ihren kräftigen Schnäbeln können Unechte Karettschildkröten sogar große Tritonschnecken knacken“, berichtet Hochscheid. „Aber um Fische zu fangen, sind sie nicht schnell genug.“ Trotzdem werden in den Mägen toter Exemplare aus dem Mittelmeer häufig Fischreste gefunden. Das dürfte Abfall und Beifang von Fischerbooten sein, vermuten Hochscheid und andere Fachleute. Die Schildkröten sind anscheinend nicht wählerisch.
Dank ihrer Mobilität können die Tiere leicht zwischen verschiedenen Meeresregionen mit unterschiedlichem Nahrungsangebot wechseln. Über solche Wanderungen ist allerdings noch nicht viel bekannt. Laut den bisherigen Studien zieht Caretta caretta unter anderem gern in die nördliche Adria, in die Schelfzonen vor der tunesischen Küste und ins Umfeld des ostspanischen Ebro-Deltas – alles Gebiete mit relativ flachem Wasser und einer erhöhten Produktivität an Biomasse. Interessanterweise sind im äußersten Westen des Mittelmeers häufig auch Unechte Karettschildkröten aus dem Atlantik unterwegs. Einige von ihnen könnten Pionier-Weibchen sein. Ersten genetischen Untersuchungen zufolge stammen die an der Cilento-Küste laichenden Exemplare aus der ostmediterranen Population. An den spanischen Mittelmeerstränden indes wurden auch schon Schildkrötendamen mit atlantischem Erbgut erfasst. „Es könnte sein, dass wir gerade eine Kolonisierung aus zwei Richtungen beobachten“, so Hochscheid.
Systematische Spurensuche
Die Suche am Strand von Marina di Ascea folgt einem festen Protokoll. Von einer Sammelstelle in der Mitte des bewachten Abschnitts aus verlaufen zwei sogenannte Transekten von jeweils 800 Meter Länge. Zweierteams schreiten diese Teilstrecken entlang der Wasserlinie ab und halten dabei Ausschau nach Schildkrötenspuren oder den Tieren selbst. Am Ende des Transekts wird eine Viertelstunde gewartet, danach geht es wieder zurück zum Ausgangspunkt. Hin und her, stundenlang. In dieser Nacht ist das eine wahrlich schweißtreibende Arbeit. Das Thermometer verharrt bei knapp 25 Grad Celsius, und die Luftfeuchtigkeit muss sehr hoch sein. Tropische Verhältnisse. Gegen halb zwei werden die Mühen jedoch belohnt. Antonella nimmt einen neuen Anlauf. Das Tier hat diesmal eine ruhige, halbwegs lichtgeschützte Stelle direkt am Dünenrand ausgesucht. Wieder fliegt viel Sand durch die Luft, während die Forscherinnen geduldig warten.
Hochscheid hält alles genau im Blick. Nach gefühlt einer halben Ewigkeit gibt sie ein Zeichen: Jetzt kann die Truppe dicht an das Reptil heranrobben. „Antonella hat mit der Eiablage begonnen und lässt sich nun nicht mehr so schnell ablenken“, erklärt die Biologin. Trotzdem sollte man weiterhin leise bleiben. Antonella scheint sich derweil mächtig anzustrengen. Immer wieder hört man sie stöhnen. Dann ist es offenbar geschafft. Das Tier wedelt erneut mit den Flossen und schaufelt das Loch zu. Bald darauf eilt die Schildkröte zurück ins Meer.
Auf Hochscheid wartet nun eine wichtige Aufgabe: Das Nest soll mit einem Datenlogger ausgestattet werden. Doch dazu muss die Wissenschaftlerin erst einmal die exakte Position des Geleges bestimmen. Sie nimmt einen Bambusstock und beginnt, vorsichtig in den Boden zu bohren. „In der Ablagegrube ist der Sand stets spürbar lockerer“, erklärt die Expertin. Die Suche erleichtert das allerdings nur wenig. Antonella hat beim Buddeln bestimmt zehn Quadratmeter Strandoberfläche durchgewühlt. Wo die Eier liegen, ist von außen nicht mehr erkennbar. Mehr als zwanzig Minuten dauert das bedachtsame Stochern, bis Hochscheids Assistentin Roberta Teti schließlich Erfolg hat. Die Eier sehen aus wie etwas zu groß geratene Pingpong-Bälle. Der Datenlogger wird platziert, das Gelege mit einem schützenden Drahtgitter abgedeckt, darüber wieder Sand geschüttet. Anschließend grenzen die Forscherinnen das Ganze mit vier Holzpfählen plus blauen Warnbändern ab.
Datenerhebung zum Schutz
Über den Datenlogger können Hochscheid und ihr Team das Nest praktisch lückenlos überwachen. Das Gerät misst die Temperatur und leitet die Aufzeichnungen digital weiter. Diese Angaben ermöglichen es den Forscherinnen, den Schlüpfungstermin der Schildkrötenbabys vorherzusagen, um dann zur rechten Zeit vor Ort zu sein und die Kleinen ins Meer zu eskortieren. Dass Letzteres erforderlich ist, liege vor allem an der Lichtverschmutzung, erklärt Hochscheid. Unter natürlichen Bedingungen weist das Nachthimmelsleuchten über dem Horizont den Neugeborenen den Weg ins Wasser. Straßenlampen und andere Kunstlichtquellen verwirren die Jungtiere jedoch und locken sie landeinwärts – mit tödlichen Folgen. Ohne Hilfe würden am Strand von Marina di Ascea wohl nur sehr wenige Schildkrötenbabys das Meer erreichen.
Obwohl der Klimawandel Caretta caretta das Tor gen Westen eröffne, berge er aber auch Risiken, wie Hochscheid am nächsten Tag erläutert. Die Gefahr von Sommerstürmen nehme zu, und die können Gelege zerstören. „Letztes Jahr wurden hier die Hälfte der Nester mindestens einmal überflutet.“ Einige sogar mehrfach, berichtet die Biologin. Dadurch verringerte sich die Schlupfrate. Der Hintergrund: Bei durchtränktem Sand droht eine Blockade der Sauerstoffzufuhr und damit das Ersticken der Embryos. „Die empfindlichsten Phasen sind die ersten zehn Tage und die letzte Woche vor dem Schlüpfen“, sagt Hochscheid. Problematisch sei mitunter auch die Erwärmung selbst. Es dürfe nicht zu heiß werden. „Wenn die Durchschnittstemperatur über 34 Grad Celsius liegt, ist das nicht gut.“ Zu viel Wärme beeinträchtigt die Entwicklung oder sorgt dafür, dass fast nur Weibchen schlüpfen.
Die Forscherin öffnet ihren Laptop und zeigt die Messkurve von einem Nest in einer weiter südlich gelegenen Bucht. Die Werte liegen nur noch knapp unter der kritischen Marke. Und dann sind da noch die Geisterkrabben der Art Ocypode cursor. Sie breiten sich mit der Wärme ebenfalls im westlichen Mittelmeer aus und haben sowohl Schildkröteneier wie auch die Jungtiere zum Fressen gern. „Es ist besorgniserregend, dass die jetzt auch hier auftauchen“, meint Hochscheid. Die Schildkröten hätten eh schon Stress genug.
Noch immer fordert die – zum Teil illegale – Fischerei im Mittelmeer viele Opfer, weil die Reptilien als Beifang in Netzen oder an beköderten Leinen ertrinken. Die Plastikverschmutzung stellt eine weitere, womöglich noch unterschätzte Bedrohung dar. Bis zu 85 Prozent der untersuchten Meeresschildkröten aus italienischen Gewässern haben Kunststoffteile im Magen. Wie viele tatsächlich daran sterben, weiß niemand. Doch es gibt auch Hoffnungsvolles, berichten Hochscheid und einige Teammitglieder beim Kaffee im Strandpavillon. So wachse in der breiten Bevölkerung das Wissen um den Wert der Biodiversität. Der Schutz von Caretta caretta werde positiv aufgenommen. Die allermeisten Strandbesucher schonen die markierten Nester – eine gute Koexistenz zwischen Tourismus und Artenschutz ist offensichtlich möglich.
Das Engagement der Frauen und ihre Begeisterung sind ansteckend. Die Doktorandin Margherita Panzuto analysiert das Ausbreitungsverhalten der Schildkrötenweibchen im Detail und hofft, damit eine zielgenaue Einrichtung von Schutzgebieten zu ermöglichen. Forschung brauche konkrete, praxisorientierte Ziele, meint sie. Ihre Mitstreiterin Anna Leone hat eine etwas andere Perspektive. Die Softwareentwicklerin ist als Freiwillige im Team und setzt dafür ihre Urlaubszeit ein. Sind die ermüdenden Nachteinsätze das alles wert? Auf jeden Fall, betont Leone. Meeresschutz gehe uns schließlich alle an. „Und man macht hier richtig bereichernde Erfahrungen. Das hat mir gezeigt, wie wertvoll Leben ist.“
Unterwegs im Dienst der Wissenschaft
Nach Sonnenuntergang geht die Suche von Neuem los: patrouillieren, Pause, patrouillieren. Der Anruf geht um 1.15 Uhr ein. Schildkröte! Das Tier ist in der Nähe eines Beachclubs an Land gekommen. Dessen grelle Beleuchtung und die Jazzmusik haben ihm anscheinend nicht gefallen und zum schnellen Rückzug bewogen – doch da krabbelt es den Helferinnen in die Arme. Drei der Frauen packen die Gepanzerte flugs in eine offene Sperrholzkiste. Sie wehrt sich nach Kräften. Vor den Flossen müsse man sich in Acht nehmen, warnt Hochscheid. Die Biologin bereitet ihre Apparatur vor. Zwei Assistentinnen beginnen derweil, mit dem Lösungsmittel Aceton, Lappen und Schmirgelpapier den Schildkrötenpanzer zu reinigen. Eine andere hat dem Tier ein nasses Tuch über den Kopf gelegt – das beruhigt.
Gut 70 Minuten dauert die ganze Prozedur. Für das Team ist sie offenbar Routine. Auf dem Rücken des Schildkrötenweibchens wird mit Kunstharz ein Sender fixiert, anschließend nimmt Hochscheid noch eine Hautbiopsie und zwei Keratinproben. Zum Schluss bekommt Anna, wie das Tier jetzt heißt, noch eine Metallmarke an der rechten Vorderflosse. Ab heute ist sie auch im Dienst der Wissenschaft unterwegs. Die Forscherinnen werden ihre Reise per Satellit mitverfolgen und daraus lernen. Sie lassen die Schildkröte wieder frei und schauen ihr schweigend nach, während sie im dunklen Wasser verschwindet. ■
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