Zum 150. Geburtstag des „Alten von Rhöndorf“, der zeitlebens dem Rheinland eng verbunden blieb, hat der renommierte Zeithistoriker Norbert Frei nun eine Biographie vorgelegt. Sie ist nicht das Ergebnis eigener Quellenrecherchen oder neuer Archivfunde, sondern fasst den vorhandenen breiten Forschungsstand aus einer eher kritischen Perspektive für ein breites Publikum zusammen. Allerdings schadet es nicht, bereits einige Vorkenntnisse zu besitzen.
Frei schildert zunächst recht knapp Adenauers Jugend sowie seine Zeit als Kölner Oberbürgermeister und Präsident des Preußischen Staatsrates in der Weimarer Republik (wobei er die empfehlenswerte Studie Christoph Nonns zu Köln in dieser Zeit leider nicht erwähnt), die Repressalien der NS-Zeit und seine Rolle bei der Entstehung der Bundesrepublik.
Den weitaus größeren Teil des Buches widmet Frei zu Recht der Kanzlerschaft Adenauers. Er schildert die großen Erfolge auf dem Gebiet der Außenpolitik wie die enge Westbindung, die Aussöhnung mit Frankreich und den Beginn der Annäherung an Israel. Frei skizziert zudem die innenpolitischen Errungenschaften wie die Rentenreform und das Wirtschaftswunder, für die Adenauer natürlich nicht allein verantwortlich war, an denen er aber doch einen gewissen Anteil hatte.
Der Historiker betrachtet Adenauer zu Recht als bedeutenden Staatsmann und arbeitet minutiös dessen fortwährende politische Kämpfe heraus. Zugleich betont Frei immer wieder (zum Teil eher kleinlich) Adenauers ambivalenten Charakter. Unbestritten ist, dass der erste Bundeskanzler ein „political animal“ war und auch vor Tricks und Härte nicht zurückschreckte. Doch waren diese Eigenschaften oftmals erforderlich, um Ziele gegen Widerstände durchzusetzen.
Der Blick des NS-Gegners auf die Wirklichkeit, vor allem auf seine Landsleute und deren Vorbelastung, war – wie Frei hervorhebt – ungetrübt und oftmals pessimistisch. Adenauer ordnete den Nationalsozialismus und dessen Verbrechen zutreffend ein. Dennoch unterließ er es, eine umfassende Aufklärung und Aufarbeitung des „Dritten Reiches“ zu fordern oder in der Personalpolitik nicht auf NS-Belastete zurückzugreifen. Vielmehr schloss er sich dem Zeit(un)geist an. Zu allem Überfluss berief er auch noch den schwer belasteten Hans Globke zum Chef des Kanzleramts.
Adenauers Verhalten folgte, wie Frei meint, wie so oft sicherlich politischem Kalkül und vielleicht auch fehlender Sensibilität; doch vielleicht auch, so mag man ergänzen, der Einsicht in die Grenzen des damals Durchsetzbaren. Somit bleibt als Fazit dieser Biographie festzuhalten: Adenauer hat politisch bewundernswert viel für sein Land getan – er war dabei aber keineswegs frei von Fehlern und Fehleinschätzungen.
Rezension: Prof. Dr. Philipp Austermann
Norbert Frei
Konrad Adenauer
Kanzler nach der Katastrophe
Verlag C. H. Beck, München 2025, 317 Seiten, € 29,90




