Als im Sommer 1870 der Krieg ausbrach, galt unter den meisten internationalen Auguren Frankreich als Favorit für den Sieg. Unter Kaiser Napoleon III. war das Land zur stärksten Militärmacht auf dem europäischen Kontinent aufgestiegen und knüpfte damit scheinbar an die großen Zeiten Napoleons I. an. Im Krim-Krieg (1854–1856) hatte man mit britischer Unterstützung sogar das mächtige Russland besiegt. 1859 gelang im italienischen Einigungskrieg ein militärischer Triumph über Österreich. Auch wenn in der Folgezeit einige diplomatische Misserfolge eingefahren wurden, so galt die französische Armee doch noch immer als modern, bestens bewaffnet, gut ausgebildet und gut geführt. Im Vergleich dazu erschien die Armee Preußens, der traditionell kleinsten europäischen Großmacht, weniger beeindruckend. Auch die Siege in den vorangegangenen Jahren, 1864 über Dänemark und 1866 über Österreich, änderten an dieser Einschätzung wenig. Denn wer war schon Dänemark? Und Österreich schien ohnehin aufs Verlieren abonniert zu sein.
Wie so oft lagen auch diesmal viele Experten falsch. In Preußen hatte sich nämlich seit der gescheiterten Revolution von 1848 eine Menge verändert. Das Land befand sich in einem rasanten Aufstieg zum Industriestaat. Der Wirtschaftsaufschwung spülte viel Geld in die bis dahin klammen Staatskassen. Dieses Geld wurde auch zur Modernisierung und Aufrüstung der Armee verwendet. Die innenpolitisch heftig umstrittene Heeresreform des Kriegsministers Albrecht von Roon stürzte den Staat zwar in eine Verfassungskrise, aber die positiven Effekte hinsichtlich der Stärke der Armee waren nicht zu leugnen. Preußen setzte die seit 1814 geltende allgemeine Wehrpflicht in größerem Maßstab um und baute das stehende Heer aus. Da gleichzeitig die Bevölkerung Preußens wuchs, wurde die Armee zahlenmäßig erheblich verstärkt.
Parallel dazu wurden organisatorische Reformen durchgeführt. Besonders wichtig war die zunehmende Bedeutung des Generalstabs, der unter seinem Chef Helmuth von Moltke 1866 auf Befehl König Wilhelms I. die Leitung des Feldheers übernahm. Damit sollte eine einheitliche und kontinuierliche oberste Führung durch Fachleute etabliert werden, die bereits im Frieden Aufmarsch- und Operationspläne entwarf und Einfluss auf die Truppenausbildung nahm. Der Ausbau von strategischen Eisenbahnlinien und die Vorbereitung des Aufmarschs durch die Eisenbahnabteilung des Generalstabs ermöglichten eine schnelle Truppenkonzentration im Kriegsfall. Auch auf taktischem und operativem Gebiet wurde reformiert. Angesichts der steigenden Feuerkraft moderner Armeen befürwortete Moltke eine Kombination aus operativer Offensive und taktischer Defensive. Der Gegner sollte zu Frontalangriffen gezwungen werden, was ihm zwangsläufig schwere Verluste zufügen würde. Der dann erfolgende Gegenangriff würde den Sieg auf dem Schlachtfeld bringen.
Die neue Militärmacht Preußens entfaltete im Krieg von 1866 zum ersten Mal ihre volle Wirkung. Nicht nur, dass die Preußen alle Gefechte gewannen, sondern sie siegten auch bei Königgrätz in der größten Schlacht des 19. Jahrhunderts. Moltkes Konzept ging weitgehend auf. Vor allem das Zündnadelgewehr, die Waffe der Infanterie, erzielte durchschlagende Wirkung. Mit diesem Hinterlader konnte der Soldat im Liegen schießen, was ihn selbst schützte und seine Treffgenauigkeit erhöhte. Obendrein konnte er häu‧figer schießen als seine mit Vorderladern bewaffneten Gegner. Bei Königgrätz erzielte die preußische Infanterie auf diese Weise entscheidende Erfolge. Doch in dieser Schlacht trat auch die Schwäche der preußischen Feldartillerie zutage. Von 1866 an wurde daher hektisch auf die Stahlrohrgeschütze der Firma Krupp umgerüstet, die sich 1870/71 als ausschlaggebender Vorteil erweisen sollten.




