Ein halbes Jahr zuvor hatte er nämlich behauptet, einen Planeten entdeckt zu haben, der nicht die Sonne umkreist, sondern einen anderen Stern. Oder eher: Das, was von einem größeren Stern übrigbleibt, nachdem er sein Leben bei einer Supernova-Explosion beendet hat. Dann kann ein Neutronenstern entstehen: ein Himmelskörper der so viel Masse wie unsere Sonne hat, aber nur ein paar Dutzend Kilometer im Durchmesser hat. In so einem Fall ist Social Distancing für die Atome eher ausgeschlossen. Der Druck ist so hoch, dass die elektrisch negativ geladenen Elektronen in der Atomhülle in die elektrisch positiv geladenen Protonen im Atomkern gepresst werden. Auch Mund-Nasen-Schutz hilft da nicht mehr, beide reagieren miteinander, und es entstehen Neutronen, die dicht an dicht gepackt den Neutronenstern bilden.
Mit einem normalen Stern wie unserer Sonne hat so etwas nichts zu tun. „Spätstadium der Sternentwicklung“ lautet der euphemistische Fachbegriff. „Sternenleiche“ könnte man auch sagen. Lyne und seine Studenten und Studentinnen hatten jedenfalls gesehen, dass dieser tote Stern ein wenig wackelt. Ganz so, als würde er von etwas umkreist, das mit seiner Gravitationskraft für diese unstete Bewegung verantwortlich ist. Die Daten zeigten: Das kann kein Stern sein, dafür wäre seine Masse zu gering. Die winzige Wackelei muss von einem Objekt mit der Masse eines Planeten verursacht worden sein.
Was auch richtig war – nur leider nicht so, wie Lyne sich das vorgestellt hatte. Eine letzte Überprüfung der Daten vor seinem Konferenzvortrag zeigte: Er hatte bei der Beobachtung die Bewegung der Erde nicht sorgfältig genug berücksichtigt. Der Neutronenstern wackelt gar nicht. Es sah nur so aus, weil sich die Erde um die Sonne bewegt – und damit auch der Punkt, von dem aus Lyne mit seinem Teleskop zum Himmel geblickt hatte.
Applaus und Standing Ovations
Aber so ist eben Wissenschaft. Manchmal irrt man sich. So einen Irrtum öffentlich einzugestehen, braucht Mut und Integrität. Weswegen Lynes eingangs zitierter Satz beim Publikum keine Buhrufe verursachte, sondern Applaus und Standing Ovations. Aber trotz allem ist er nicht als Entdecker des ersten extrasolaren Planeten in die Geschichte eingegangen, eines Planeten also, der nicht unsere Sonne, sondern einen anderen Stern umkreist. Was ihm aber auch nicht gelungen wäre, hätte er keinen Fehler bei der Beobachtung gemacht. Denn fast zeitgleich fanden andere Astronomen tatsächlich einen Planeten, der einen Neutronenstern umkreist. Aber ein Neutronenstern ist kein echter Stern – die „Planeten“, die ihn umkreisen, sind erst aus den Trümmern der Supernova-Explosion entstanden. Und so interessant diese Objekte auch sind, sie sind nicht das, wonach die Menschheit seit Jahrtausenden gesucht hat.





