Normalerweise geschieht unser Atmen automatisch. Wir atmen jeden Tag tausende Male ein und aus, ohne dies bewusst zu steuern. Dennoch wird unser Atemrhythmus vom Gehirn präzise überwacht und an unsere körperlichen Bedürfnisse angepasst: Bei Anstrengungen, aber auch Stress steigen unsere Atemfrequenz und unser Herzschlag. Dies hat auch Auswirkungen auf unser Gehirn: Unter Stress neigen wir dazu, konservativere, vorsichtigere Entscheidungen zu treffen, wie Studien zeigen.
Normales Einatmen, verlängertes Ausatmen
Doch wie sieht es umgekehrt aus? Können wir durch bewusst tiefes, langsames Atmen unser Gehirn manipulieren? In vielen Kulturen gibt es Atemtechniken, die uns auf diese Weise beruhigen und unseren Geist klären sollen. „Dennoch blieb unklar, ob eine solche bewusste Regulation des autonomen Atemrhythmus auch die Entscheidungsfindung des Menschen beeinflussen kann“, erklären Wenhao Huang vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) und seine Kollegen.
Deshalb haben die Forschenden dies nun mit einer speziellen Atemtechnik ausprobiert. Bei dieser atmet man normal ein, zieht aber das Ausatmen stark in die Länge. Einatmen und Ausatmen stehen dadurch im Verhältnis von zwei zu acht Sekunden. Im Experiment wurden 41 Testpersonen gebeten, am Bildschirm eine Reihe von Entscheidungen zu treffen, während sie entweder normal atmeten oder die Atemtechnik nutzten. Bei den Tests konnten sie auf Risiko gehen und im Erfolgsfall eine größere Belohnung erhalten oder aber eine sichere, weniger lukrative Entscheidung fällen.
Während der Entscheidungstests erfassten Huang und sein Team mithilfe der durch funktionellen Magnetresonanztomografie die Hirnaktivität der Testpersonen und zeichneten gleichzeitig ihre Atmung, Herzaktivität, Hautleitfähigkeit und Pupillenreaktionen auf.
Herzschlag wird langsamer und variabler
Der erste messbare Effekt der Atemtechnik zeigte sich am Puls. Das Herz der Testpersonen schlug während der verlängerten Ausatemphase langsamer, dadurch verstärkte sich ihre Herzratenvariabilität: Der Puls wurde beim Einatmen leicht schneller, beim Ausatmen wieder langsamer, wie die Forschenden feststellten. Andere Körperfunktionen wie Hautleitfähigkeit und Pupillenweite änderten sich durch die Atemtechnik hingegen nicht.
„Das deutet daraufhin, dass die verlängerte Ausatmung selektiv die kardiale parasympathische Aktivität erhöht, ohne insgesamt das Erregungsniveau zu verändern“, schreibt das Team. Die Atemtechnik entspannt demnach vor allem die Regulationsprozesse, die unseren Herzschlag steuern. Ein variabler Puls gilt ebenfalls als Anzeichen eines flexiblen, entspannten kardialen Zustands.

Verlängertes Ausatmen beeinflusst den Herzschlag und die Bewertung von Belohnungen und anderen positiven Folgen unserer Entscheidungen. — © Huang et al./ Neuron, CC-by 4.0
Entscheidungen: Stärkerer Lockeffekt von Belohnungen
Den zweiten Effekt der Atemtechnik enthüllten die Entscheidungstests: Wendeten die Testpersonen die Atemtechnik an, neigten sie zu signifikant riskanteren Entscheidungen als beim normalen Atemrhythmus. Ausschlaggebend für diese erhöhte Risikobereitschaft war eine verstärkte Empfänglichkeit für den Belohnungsanreiz. „Unter verlängerter Ausatmung hatte die Höhe der Belohnung einen stärkeren Einfluss auf die Entscheidungen als ohne“, berichten Huang und seine Kollegen.
Die Wahrnehmung und Reaktion auf potenzielle Verluste und damit negative Folgen der Entscheidung blieben dagegen unabhängig vom Atemrhythmus gleich. „Der Effekt der Atemtechnik macht demnach nicht pauschal risikotoleranter. Er lässt sich eher als selektive Aufwertung von Belohnungsinformationen ohne Veränderung der Verlustsensitivität beschreiben“, erklären die Forschenden.
Atemtechnik wirkt
Diese Wirkung der Atemtechnik spiegelte sich auch im Gehirn der Testpersonen wider: Beim verlängerten Ausatmen war unter anderem der ventro-mediale präfrontale Cortex (vmPFC) aktiver als sonst. „Der präfrontale Cortex beurteilt die subjektiven Werte von zur Wahl stehenden Optionen“, erklärt das Team. Gleichzeitig ist dieses hinter der Stirn liegende Hirnareal auch in das Netzwerk eingebunden, das unsere autonomen Körperfunktionen überwacht und steuert. Das Experiment zeigt nun, dass Atemrhythmus, Herzschlag und Entscheidungsverhalten über dieses Netzwerk eng verknüpft sind.
Zusammengenommen bedeutet dies: Unser Atemrhythmus hat Einfluss darauf, welche Entscheidungen wir fällen. Sind wir angestrengt oder gestresst und atmen daher schnell und hastig, kann dies zu besonders vorsichtigen, risikoscheuen Entscheidungen führen. Atmen wir dagegen bewusst langsam und verlängern vor allem die Ausatmung, macht uns dies empfänglicher für Belohnungen – und lässt uns eher ein Risiko eingehen.
Auch medizinisch hilfreich
„Atemtechniken begleiten die Menschheit seit Jahrtausenden in verschiedenen Religionen und Kulturen“, sagt Seniorautorin Soyoung Park vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung. „Wir liefern mit der Studie den wissenschaftlichen Beweis, dass es sich um eine verlässliche und gezielte Methode handelt, die unsere Entscheidungen steuern kann.“ Atemtechniken helfen demnach nicht nur, uns zu entspannen, durch sie können wir auch unser Entscheidungsverhalten im Alltag regulieren.
Auch in der Medizin könnten solche Atemtechniken eine Hilfe sein - beispielsweise Angststörungen oder Depressionen, wie die Forschenden erklären. Denn bei diesen psychischen Erkrankungen verändert sich die Wahrnehmung positiver Anreize, dadurch treten Ängste, Risiken und andere negative Gefühle in den Vordergrund.
Quelle: Wenhao Huang (Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke) et al., Neuron, 2026; doi: 10.1016/j.neuron.2026.04.044





