Kein anderer antiker Autor ist daher so oft und so kontinuierlich von der Antike bis in unsere Zeit übersetzt, kommentiert, akzeptiert, verworfen und zum Anstoß für eigenes Weiterdenken genommen worden, im lateinischen Westen, im islamischen Orient, in der westlichen Moderne.
Doch das erhaltene Werk, fast 900 000 Wörter, erschließt sich dem heutigen Leser nicht ohne weiteres. Im Verlauf der Überlieferung sind nämlich gerade die an ein (antikes) Publikum gerichteten Schriften verlorengegangen. Erhalten blieben nur Texte für den Lehr- und Debattierbetrieb in der eigenen Schule, dem peripatos. Während viele Dialoge Platons bei allen Schwierigkeiten, sie zu verstehen, auch immer als große Literatur gelesen wurden, bedürfen die schmucklosen Schriften seines bedeutendsten Schülers und Kritikers der geduldigen Erschließung. Der Gräzist Hellmut Flashar war über 40 Jahre lang Her-ausgeber der ausführlich kommentierten Ausgabe der Werke des Aristoteles in deutscher Übersetzung. Im vorliegenden Buch fährt er gleichsam die Ernte ein. Flashar schreibt als Philologe, nicht als Philosoph; er will einen Weg zu den Texten bahnen, nicht ein konsistentes Gedankengebäude rekonstruieren. Die biographischen Nachrichten, darunter das Testament, wertet er behutsam aus, lässt aber zum Beispiel keinen Zweifel daran, dass der von dem Makedonenherrscher Philipp II. an den Hof von Pella Berufene sich in der Erziehung des Prinzen Alexander erheblich und intensiv engagiert hat. Davon im späteren Denken und Handeln des Welteroberers allzu viel wiederentdecken zu wollen war indes stets eher dem übersteigerten Selbstbewusstsein von Intellektuellen und der ewig jungen Phantasie von der Zähmung und Lenkung der Macht durch den Geist geschuldet.
Didaktisch geschickt lässt Flashar seinen Rundgang durch die Schriften bzw. Themen des aristotelischen Werks mit der Ethik beginnen, die sich modernen Lesern noch am ehesten erschließen dürfte und die zugleich viel von ihrem Urheber verrät. So galt diesem das Glück als Endziel menschlichen Strebens. Dies kann erreicht werden, wenn das Individuum eine bestimmte Haltung ausbildet.
Indem Aristoteles die Volksethik des Maßhaltens mit der von Platon entwickelten ontologischen (wesensmäßigen) Begründung von der Mitte als Höchstwert zwischen Extremen verband, schuf er ein theoretisch konsistentes Modell, das gleichzeitig den „Unschärfecharakter menschlichen Handelns“ in Rechnung stellte. Das ideale und zugleich im Leben verankerte Menschenbild des Aristoteles läuft auf den „weltoffenen Repräsentanten einer zivilen Gesellschaft“ hinaus. Und das ist nur eine Erkenntnis, die aus diesem sorgfältigen, reichen, souveränen Buch zu ziehen ist.
Rezension: Prof. Dr. Uwe Walter




