Es war ein unspektakuläres Sterben, das sich in den glühendheißen Julitagen des Sommers 1610 in Porto d’Ercole abspielte, einem unbedeutenden Hafenstädtchen im spanischen Vizekönigreich Neapel. Im Schmutz und Elend eines Armenhospitals fand ein Leben sein Ende, das dazu in großem Kontrast gestanden hatte. Denn der an den Folgen der Malaria verstorbene Maler Michelangelo Merisi, der schon von den Zeitgenossen nach dem Heimatort seiner Eltern (bei Bergamo) „Caravaggio“ genannt wurde, verdankte seinen Ruf nicht nur seinen Kunstwerken. Die waren aufsehenerregend, innovativ, provozierend genug und wurden entsprechend kontrovers diskutiert. Caravaggio machte ebenso durch seinen extravaganten und gewalt‧tätigen Lebenswandel von sich reden. Sein Strafregister ist kaum weniger eindrucksvoll als sein Werkverzeichnis. Beides, die Charakteristika der eigenwilligen Kunstwerke und die Gewalttätigkeit ihres Schöpfers, hat die Nachwelt fasziniert und ist wohl dafür verantwortlich, dass heutzutage kein anderer Künstler des Barock, nicht einmal der große Gianlorenzo Bernini, eine vergleichbare Anziehungskraft auf das Massenpublikum ausübt.
Nun ist die Figur des extrovertierten Künstlers, der mit seiner Umwelt in steter Auseinandersetzung lebt, weil sie ihn nicht versteht, der sich von der Ignoranz seiner Mitmenschen provoziert fühlt und sie seinerseits durch sein Benehmen permanent provoziert, geradezu ein Topos in Lebensbeschreibungen frühneuzeitlicher Künstler. Insofern gilt es, im Einzelfall genau nachzuforschen, wenn die Rede vom „exzentrischen Genie“ ist. Doch entstehen Klischees andererseits selten, ohne dass ihnen ein Wahrheitskern zugrunde liegt. Die Unbeherrschtheit Michelangelos, die Zornausbrüche Borrominis, die Gewalttätigkeiten Berninis sind nicht nur aus diversen zeitgenössischen Lebensbeschreibungen bekannt. Sie sind aktenkundig, überliefert in Quellen, die der topischen Stilisierung gemäß gängigen Klischeevorstellungen vom Benehmen „des“ Künstlers vollkommen unverdächtig sind.
In besonderem Maß gilt dies für Caravaggio: Die Gerichtsakten, im römischen Staatsarchiv bis heute überliefert, enthalten mehr Informationen als die einschlägigen Lebensbeschreibungen in den Künstlerviten seiner Zeitgenossen. So gestatten sie, nicht nur einzelne Straftaten und Prozesse zu rekonstruieren, sondern auch das soziale Umfeld, in dem sich der Maler bewegte. Vor unseren Augen ersteht die Welt einer frühneuzeitlichen Boheme wieder, einer Halb- und Lebewelt mit Verbindungen zur exklusiven Oberschicht der großen Adels- und Kardinalshaushalte ebenso wie zur Unterwelt, dem Prostituiertenmilieu und den sozial Deklassierten. Doch wird die Lebenswirklichkeit der römischen Gesellschaft um 1600 im Fall des Michelangelo Merisi nicht nur durch Dokumente zwischen staubigen Aktendeckeln rekonstruierbar, sondern ebenso durch seine Bilder lebendig.
Mag sein, dass auf dieser – nun wirklich einzigartigen – Konstellation die Hauptfaszination beruht, die Leben und Werk des Malers auf uns ausüben: dass sie nämlich unauflöslich verbunden sind, die Alltagsgeschichte und Alltagsgesichter uns scheinbar ungekünstelt und direkt aus seinen Bildern ansprechen; seine Gemälde erscheinen gewissermaßen als frühneuzeitliche Vorläufer des Dokumentarfilms und zeigen, „wie es wirklich gewesen ist“. Bis zu einem bestimmten Punkt stimmt das sogar, schon die Zeitgenossen nahmen es wahr – und kritisierten den „Naturalismus“ des Malers, der angeblich ohne höhere Idee die „Wirklichkeit“ auf die Leinwand bannte. Was die gelehrt-bemühten Kollegen und Konkurrenten Caravaggio, dem genialen Außenseiter, voller Hohn vorwarfen, erscheint uns heute an seinen Werken gerade besonders reizvoll. Doch ob Gegenstand der Kritik oder der Begeisterung, die „naturalistische“ Verwendung sehr realer Vorbilder ist nur die eine Seite von Caravaggios Kunst. Sie ist nicht nur in vielen Einzelheiten derb-realistisch, sondern zugleich im wahrsten Sinne des Wortes „kunstvoll“, bewusst sorgfältig inszenierend, um am Ende natürlich-selbstverständlich zu wirken.





