Die neurodegenerative Erkrankung Alzheimer ist die häufigste Ursache für Demenz. Dabei lagern sich im Gehirn Plaques aus Amyloid-Beta-Proteinen ab und die Nervenzellen sterben nach und nach ab. Mit fortschreitendem Verlauf der Krankheit verlieren die Betroffenen zunehmend ihre kognitiven Fähigkeiten und können ihren Alltag schließlich nicht mehr allein bewältigen. Bisher ist Alzheimer nicht heilbar.
Ein neuer Behandlungsansatz besteht darin, in einem frühen Stadium der Krankheit die Amyloid-Beta-Plaques mit Hilfe spezieller Antikörper aus dem Gehirn zu entfernen. Die Hoffnung war, damit den kognitiven Verfall zu bremsen, sodass die Betroffenen länger selbstständig bleiben. Seit Herbst 2025 sind dazu in Deutschland die beiden Wirkstoffe Lecanemab und Donanemab verfügbar, die Studien zufolge die Plaques im Gehirn reduzieren können. Doch sorgen diese Therapien tatsächlich dafür, dass der geistige Abbau langsamer voranschreitet?
Statistisch signifikant, aber nicht klinisch relevant
Um diese Frage zu klären, hat ein Team um Francesco Nonino vom Institut für Neurowissenschaften in Bologna für eine Meta-Analyse im Rahmen des Cochrane-Forschungsnetzwerks Daten aus 17 klinischen Studien mit insgesamt 20.342 Teilnehmenden ausgewertet. Alle einbezogenen Studien hatten Menschen in frühen Alzheimer-Stadien untersucht, die entweder Anti-Amyloid-Antikörper oder ein Placebo-Medikament erhalten hatten.
„Leider deuten die Erkenntnisse darauf hin, dass diese Medikamente für die Patienten keinen nennenswerten Unterschied bewirken“, sagt Nonino. Obwohl die Antikörper tatsächlich in der Lage sind, Amyloid-Plaques aus dem Gehirn zu entfernen, schreitet der kognitive Abbau nahezu ungebremst voran – egal ob eine Person mit Antikörpern oder Placebo behandelt wurde. „Nach 18 Monaten Behandlung haben monoklonale Anti-Amyloid-Antikörper wahrscheinlich wenig bis gar keinen Einfluss auf den Rückgang der Gedächtnis- und Denkfähigkeit oder auf die Fähigkeit, alltägliche Aktivitäten zu bewältigen“, berichten die Forschenden.
Bei komplexeren Alltagsaufgaben wie dem Finanzmanagement und der Einnahme von Medikamenten könnten die Antikörper-Präparate den ausgewerteten Studien zufolge womöglich eine leichte Verbesserung bewirken. Doch auch diese ist wahrscheinlich so gering, dass sie für Patienten in der Praxis kaum einen Unterschied macht. „Zwar zeigten frühe Studien statistisch signifikante Ergebnisse, doch es ist wichtig, zwischen einer statistisch signifikanten und einer klinischen Relevanz zu unterscheiden“, erklärt Nonino. „Es kommt häufig vor, dass Studien statistisch signifikante Ergebnisse liefern, die aber nicht einem bedeutenden klinischen Unterschied für die Patienten entsprechen.“
Kaum Wirkung, aber Nebenwirkungen
Zusätzlich zeigt die Übersichtsstudie, dass die Anti-Amyloid-Medikamente zwar kaum erwünschte Wirkungen, dafür aber nachweisbare Nebenwirkungen haben. So entwickelten 119 von 1000 Personen unter der Antikörpertherapie eine Hirnschwellung, während dieses Symptom in der Placebogruppe nur bei 12 von 1000 Personen auftrat. Auch Mikroblutungen im Gehirn nahmen in der Behandlungsgruppe leicht zu. Diese Nebenwirkungen sind meist nicht mit schwerwiegenden Konsequenzen verbunden, sondern zeigen sich oft nur im Hirnscan. In manchen Fällen kommt es allerdings zu Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit oder weiteren Komplikationen. Einen Unterschied in der Sterblichkeit stellten die Forschenden nicht fest.
Zum Zeitpunkt der Auswertung waren sechs Studien zur Wirkung von Anti-Amyloid-Antikörpern noch nicht abgeschlossen. „Die Schlussfolgerungen dieser Übersichtsarbeit können sich ändern, wenn neue Ergebnisse vorliegen“, schreiben Nonino und sein Team.
Co-Autor Edo Richard vom Radboud University Medical Centre in den Niederlanden behandelt selbst regelmäßig Menschen mit Alzheimer. „Ich wünschte, ich hätte eine wirksame Behandlung, die ich ihnen anbieten könnte“, sagt er. „Bestehende zugelassene Medikamente bieten zwar einigen Patienten einen gewissen Nutzen, aber es besteht nach wie vor ein großer ungedeckter Bedarf an wirksameren Behandlungen. Leider bieten Anti-Amyloid-Medikamente dies nicht und bringen zusätzliche Risiken mit sich. Angesichts des fehlenden Zusammenhangs zwischen der Entfernung von Amyloid und dem klinischen Nutzen müssen wir andere Wege erkunden, um diese verheerende Krankheit zu bekämpfen.“
Quelle: Francesco Nonino (IRCCS Istituto delle Scienze Neurologiche di Bologna, Italien) et al., Cochrane Database of Systematic Reviews, doi: 10.1002/14651858.CD016297





