Während das Eis am Nordpol bereits seit langem zurückgeht, haben sich in der Antarktis die Auswirkungen des Klimawandels über Jahrzehnte hinweg deutlich weniger gezeigt. Seit Messbeginn im Jahr 1980 blieb die Ausdehnung des Meereises zunächst weitgehend stabil und nahm im Durchschnitt sogar leicht zu. Im Februar 2023 erreichte die Meeresbedeckung jedoch einen historischen Tiefstand. Selbst in den später folgenden antarktischen Wintermonaten wuchs weniger Eis nach als sonst. Als Ursachen haben Forschende die steigenden Ozeantemperaturen ausgemacht, die das Eis von unten schmelzen lassen, sowie die steigenden Temperaturen der Atmosphäre, die dafür sorgen, dass das Eis von oben schmilzt.
Veränderte Dynamik zwischen Ozean und Atmosphäre
„Während Fortschritte bei der Ermittlung der Ursachen des Eisverlustes erzielt wurden, besteht weiterhin Unsicherheit über die Folgen für die Wechselwirkungen zwischen Ozean und Atmosphäre“, erklärt ein Team um Simon Josey vom National Oceanography Centre in Southampton. Mit diesen Wechselwirkungen haben sich die Forschenden nun auseinandergesetzt. Dazu werteten sie Satellitendaten sowie Daten aus atmosphärischen Messungen nahe der Oberfläche des Südozeans aus.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass der Verlust des antarktischen Meereises im Jahr 2023 die Luft-Meer-Interaktion im Südlichen Ozean erheblich verändert hat“, berichtet das Team. So stellten Josey und seine Kollegen fest, dass die Regionen, die im Juni und Juli 2023 am stärksten vom Eisrückgang betroffen waren, viel Wärme aus dem Ozean an die Atmosphäre abgaben. „Die Eiskonzentration in diesen Regionen, vor allem im Weddell-, Bellingshausen- und Rossmeer, verringerte sich um bis zu 80 Prozent und ging mit einer noch nie dagewesenen Verdopplung des Wärmeverlusts des Ozeans im antarktischen Winter einher“, erläutern die Forschenden. Während üblicherweise der größte Wärmeverlust im Süd-Herbst gegen Ende April zu beobachten war, verschob er sich 2023 auf Mitte Juni – tiefster Winter auf der Südhalbkugel.
Wärmeabgabe fördert Stürme
Die verstärkten Wärmeströme vom Ozean in die Atmosphäre sorgten zudem dafür, dass in der Südpolarregion häufiger Stürme entstanden. „In den Regionen mit dem stärksten Meereisrückgang hat die Häufigkeit der Stürme im Juni und Juli 2023 im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 1990 bis 2015 um bis zu sieben Tage pro Monat zugenommen“, berichten Josey und sein Team. Dies könnte auch Auswirkungen auf die Ozeanzirkulation haben, die wiederum darüber bestimmt, wie viel Wärme und CO2 der antarktische Ozean speichern kann.
„Wenn sich die niedrige Eisbedeckung in den folgenden Wintern wiederholt, werden sich diese Auswirkungen verstärken und wahrscheinlich auch zu tiefgreifenden Veränderungen in anderen Regionen, einschließlich der Tropen und der nördlichen Hemisphäre, führen“, prognostizieren die Forschenden. Im antarktischen Winter 2024 wurde bereits erneut eine sehr geringe Ausdehnung des Meereises festgestellt.





