Gross stützt sich dabei vor allem auf die Ethik Ernst Tugendhats, der gegenüber der Annahme einer universalen Moral, wie sie insbesondere von Immanuel Kant vertreten wurde, auch eine partikulare Moral für möglich hält. Im Fall des Nationalsozialismus war es die „Volksgemeinschaft“, für die allein besondere Tugenden und Pflichten galten, während Juden und andere „Gemeinschaftsfremde“ prinzipiell aus diesem Moralsystem ausgeschlossen waren. Gross zitiert den Spruch Hitlers, der in jedem NSDAP-Ausweis gedruckt war: „Schätze in Deinem Volke den letzten Straßenfeger höher als den König eines fremden Landes!“
In seiner Sammlung von Aufsätzen, die sämtlich bereits publiziert und deshalb vor Wiederholungen nicht gefeit sind, beleuchtet Gross das Problem einer nationalsozialistischen Moral aus vielfältiger Perspektive. Filme wie „Jud Süß“ oder „Hotel Sacher“ sind ebenso Gegenstand dieser bemerkenswerten Essays wie der Staatsrechtler Fritz von Hippel, der SS-Richter Konrad Morgen oder, besonders gelungen, Karl Jaspers’ 1946 erschienene Schrift über die „Schuldfrage“. Treue, Ehre, Schande, Scham und Schuld sind die Begriffe, die Gross immer wieder in den Alltagstexten des Nationalsozialismus aufspürt und disku‧tiert. Damit gelingt ihm zwar noch keine erschöpfende Analyse einer nationalsozialistischen Moral, aber der Auftakt zu einer erhellenden Moralgeschichte des Nationalsozialismus.
Rezension: Prof. Dr. Michael Wildt




