Bewiesen hat das unter anderem der französische Wissenschaftler Frédéric Brochet, der 54 Studenten bat, das Aroma von weißem und rotem Bordeaux zu beschreiben. Wie er erwartet hatte, fanden die Versuchspersonen für den Rotweingeruch eher „dunkle“ Vergleiche wie „Brombeeren“ oder „Teer“, während sie für das Weißweinaroma „helle“ Begriffe wie „Honig“ oder „Stroh“ verwendeten. Als Brochet daraufhin den weißen Bordeaux mit einem geruchlosen Lebensmittelfarbstoff rot färbte, ließen sich die Studenten prompt täuschen und klassifizierten den Duft des Getränks nun mit dem klassischen Rotweinvokabular.
Bei einem zweiten Versuch setzte der Wissenschaftler den Teilnehmern kurz hintereinander ein und denselben Rotwein vor, behauptete jedoch, der erste sei ein einfacher Tischwein, während es sich bei dem zweiten um ein Spitzengewächs handele. Prompt beschrieben die Probanden das Aroma des vermeintlichen Superweins als wunderbar rund und herrlich fruchtig, während der Geruch des vermeintlichen Tafelweins ihnen flach, fad, ja sogar sauer vorkam.
Was lernen wir daraus? Geruchsempfindungen sind völlig subjektiv und lassen sich nicht von anderen Sinneseindrücken trennen. Oder anders ausgedrückt: Oft riechen wir das, was wir zu riechen erwarten, unabhängig vom tatsächlichen Duft.
Das ist umso erstaunlicher, als der Geruchs- und Geschmackssinn – beide hängen eng zusammen – einer unserer wichtigsten Sinne ist. Weder das, was wir sehen, noch das, was wir hören, kann in uns derart intensive Erinnerungen an Vergangenes wachrufen. Das Phänomen hat sogar einen Namen: „Proust-Effekt“. Benannt ist es nach dem französischen Schriftsteller Marcel Proust, in dessen voluminösem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ der Protagonist von Erinnerungen an seine Kindheit übermannt wird, als ihm unerwartet der Geruch von frisch gebackenen Madeleines mit Tee in die Nase steigt. Proust widmet den vielfältigen Assoziationen, die dieses Aroma in dem Mann auslösen, gleich mehrere Seiten.
Dabei ist die Macht der Gerüche eigentlich nicht erstaunlich, denn schließlich erregen Duftstoffe unmittelbar das limbische System – und damit den Teil des Gehirns, der unsere Emotionen und unser Triebverhalten steuert. Und das auch dann, wenn wir den Geruch nicht bewusst wahrnehmen. Eine besondere Rolle spielt das bei der Entstehung von Sympathie und Antipathie. Der Spruch „Den kann ich nicht riechen“ hat also durchaus eine physiologische Grundlage.
Wenn man das weiß, erstaunt es umso mehr, dass sich unsere Nase und damit unser Geruchssinn so leicht hinters Licht führen lassen.





