Australische Honigtopfameisen (Camponotus inflatus) haben eine außergewöhnliche Methode entwickelt, Nahrungsvorräte zu speichern: Steht viel Futter zur Verfügung – darunter Pflanzennektar und zuckerhaltige Ausscheidungen von Blattläusen – fressen sich einige Arbeiterinnen so voll, dass ihr Hinterleib dick anschwillt. Wie gefüllte Honigtöpfe hängen sie sich dann bewegungslos an die Decke des Ameisenbaus und werden von anderen Arbeiterinnen weiter gefüttert. Werden die Vorräte benötigt, würgen sie die süße Masse wieder hervor.
Traditionelles Heilmittel untersucht
„Die australischen Ureinwohner schätzen die Honigtopfameisen sehr, da sie eine seltene Quelle natürlichen Zuckers in einer trockenen Umgebung darstellen“, erklärt ein Forschungsteam um Andrew Dong von der University of Sydney. „Neben der Nutzung als Nahrungsquelle gibt es Aufzeichnungen über die Verwendung des Ameisenhonigs zur Behandlung von Halsentzündungen und Erkältungen.“ Dieser Aspekt hat Dong und sein Team neugierig gemacht. Für Bienenhonig wurden bereits antimikrobielle Eigenschaften nachgewiesen. Hat der Ameisenhonig eine ähnliche Wirkung?
Um das herauszufinden, sammelten die Forschenden in der ehemaligen Goldgräberstadt Kurnalpi im Westen Australiens Honigameisen. Dabei half ihnen Danny Ulrich, ein lokaler Führer von den Aborigines der Tjupan-Sprachgruppe. „Für unser Volk sind die Honigameisen mehr als nur eine Nahrungsquelle. Das Graben nach ihnen ist eine sehr angenehme Lebensweise und ein Weg, die Familie zusammenzubringen“, erzählt er. „Unser Volk genießt die süßen Honigameisen schon seit Tausenden von Jahren. Was ihre medizinische Verwendung angeht, so nutzen wir sie bei Halsschmerzen und manchmal als Salbe, um Infektionen in Schach zu halten.“
Deutliche antimikrobielle Aktivität
Dong und sein Team analysierten die chemischen Eigenschaften des von den Ameisen produzierten Honigs und prüften in mehreren Experimenten seine Wirkung gegen verschiedene Bakterien und Pilze. „Unsere Forschung zeigt, dass Honigtopf-Ameisenhonig eine besondere Wirkung besitzt, die ihn von anderen Honigsorten unterscheidet“, berichtet Dongs Kollegin Kenya Fernandes. Unter anderem wirkte der Ameisenhonig stark gegen Bakterien der Art Staphylococcus aureus sowie gegen den Schimmelpilz Aspergillus und den Hefepilz Cryptococcus. Alle drei können schwerwiegende Infektionen beim Menschen verursachen.
Im Vergleich zu therapeutischen Honigsorten wie Jarrah- und Manuka-Honig stellten die Forschenden fest, dass der Ameisenhonig offenbar über andere, bisher unbekannte Mechanismen wirkt. Bienenhonig enthält neben weiteren antimikrobiellen Wirkstoffen oft viel Wasserstoffperoxid und tötet Krankheitserreger damit ab. Im Ameisenhonig dagegen war der Gehalt an Wasserstoffperoxid gering. „Das deutet darauf hin, dass ein erheblicher Teil der Aktivität wahrscheinlich auf einzigartige nicht-peroxidische Mechanismen zurückzuführen ist“, schreibt das Team. Fernandes erklärt: „Diese Entdeckung bedeutet, dass Ameisenhonig bisher unbekannte Verbindungen mit beträchtlicher antimikrobieller Wirkung enthalten könnte; die Identifizierung dieser Verbindungen könnte uns Ansatzpunkte für die Entwicklung neuer Arten von Antibiotika liefern.“





