Gaius Iulius Caesar kannte sich in der Welt gut aus. Über Britannien aber wusste der berühmte Politiker und Feldherr nicht viel. Nicht einmal die wegen ihrer vielen Reisen und Kontakte gewöhnlich bestens informierten Kaufleute und Händler, die Caesar befragte, konnten ihm Auskunft geben. „Wie groß die Insel war, welche Stämme sie bewohnten, wie stark diese waren, welches ihre Kampfesweise war, was für eine Verfassung sie hatten und welche Häfen für die Aufnahme einer größeren Zahl von Schiffen geeignet waren“ – all diese Fragen interessierten Caesar aber brennend. Formuliert hat er sie in seinem propagandistisch meisterhaft angelegten Bericht über den Angriffskrieg, den er zwischen 58 und 51 v. Chr. in Gallien führte und der mit der gewaltsamen Integration des heutigen Frankreich in das Imperium Romanum endete.
Während dieses Gallischen Krieges warf Caesar aber auch ein begehrliches Auge über den Kanal hinweg in Richtung Britannien, das für die Römer bis dahin ein völlig unbekanntes Terrain darstellte. Im Herbst 55 v. Chr. startete er mit seiner Flotte von Nordfrankreich aus zu der geheimnisvollen Insel im Nordmeer. Nie verle‧gen, wenn es darum ging, der Öffentlichkeit mehr oder weniger plausible Gründe für die Einleitung militärischer Aktionen zu liefern, begründete er dieses erste kriegerische Unternehmen der Römer in Britannien mit angeblichen Hilfeleistungen der Kelten in Britannien für die gegen Caesar kämpfenden Kelten in Gallien. In Wirklichkeit dürfte es dem ambitionierten Feldherrn darum gegangen sein, den Senatoren in Rom zu beweisen, dass es für seinen Schaffensdrang keine Grenzen gab. Denn im selben Jahr hatte Caesar bereits den rechtsrheinischen Germanen einen ungebetenen Besuch abgestattet und damit ebenfalls für eine außenpolitische Premiere gesorgt.
Militärisch und politisch erreichte Caesar mit seinem Britannien-Abenteuer ebenso wenig wie mit einer Neuauflage im folgenden Jahr 54 v. Chr. Die keltischen Völkerschaften im Süden der Insel erwiesen ihm nicht den Gefallen, sich von ihm und seinen Legionen unterwerfen zu lassen. Doch war Britannien nun Teil des geographischen und strategischen Horizonts der Römer geworden. Das bedeutete für die Insel und ihre keltische Bevölkerung ein Ende der Isolation. Zwar hatten bereits die kommerziell rührigen Phönizier lange Zeit zuvor den Metallreichtum der Zinninsel zu schätzen gelernt. Und griechische Seefahrer wie der aus Marseille stammende Pytheas, der am Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. eine spektakuläre Nordreise bis zur legendären Insel Thule unternommen hatte, hatten dafür gesorgt, dass Britannien, anders als bei Caesar, wenigstens bei den Griechen kein Buch mit sieben Siegeln mehr war. Das waren jedoch nur partielle und nicht nachhaltige Kontakte gewesen. Mit den Römern aber begann eine kontinuierliche, über 450 Jahre andauernde Phase der Anbindung Britanniens an die mediterran geprägte Kulturwelt der Antike.
Was Caesar versagt blieb, schaffte Claudius gut 100 Jahre später. Caesars Zeit war die turbulente Phase der ausgehenden Republik mit ihren erbitterten Adelskämpfen gewesen. Aus ihnen ging Augustus als Sieger hervor, der mit dem Prinzipat eine neue, nun monarchische Ordnung etablierte. Claudius war der Vierte in der Riege der Kaiser und regierte von 41 bis 54. Auf obskure Weise an die Macht gekommen (Soldaten der kaiserlichen Leibgarde hatten ihn nach der Ermordung seines Neffen Caligula zum Imperator ausgerufen) und von den Zeitgenossen ob mancher körperlicher und geistiger Defizite nicht ernst genommen, suchte der Kaiser nach einer Möglichkeit, seiner Herrschaft ein wenig Glanz zu verleihen, und fand sie in der Eroberung Britanniens. Wenn er, so das kaiser‧liche Kalkül, etwas schaffte, woran selbst ein Caesar gescheitert war, dann würde man ihm endlich den gebührenden Respekt entgegenbringen.




