Das Gespräch führte TIM SCHRÖDER
Herr Prof. Wolbers, neuartige Alzheimer-Medikamente wie Lecanemab können nur dann helfen, wenn die Krankheit sehr früh diagnostiziert wird – idealerweise, bevor die ersten Symptome auftreten. Inwieweit hilft Ihnen dabei die virtuelle Realität, VR?
In unseren Laboren setzen wir den Patienten VR-Brillen auf, die eine virtuelle Landschaft zeigen. Das Gehen und die Bewegungen der Patienten werden dabei getrackt und an die Brille übertragen, sodass sie sich auch in der virtuellen Welt entsprechend voranbewegen. Wenn man sich dreht, dreht sich auch das Bild. Das ist eine sehr natürliche Art, mit Computertechnik zu interagieren. Wir haben hier sehr viele Betroffene im Alter zwischen etwa 70 und 90 Jahren, die damit sehr gut zurechtkommen. Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir mit dieser Methode Anzeichen von Alzheimer möglicherweise einige Jahre früher erkennen können als mit den klassischen neuropsychologischen Tests, bei denen die Patienten zum Beispiel Buchstaben und Zahlen abwechselnd aufsteigend anordnen müssen.
Wie laufen die VR-Experimente ab?
Die Leute müssen zu Punkten laufen, an denen virtuelle Gegenstände liegen und diese aufheben. Letztlich geht es darum, dass sie sich anhand ihrer Laufwege die Position der Gegenstände einprägen müssen. Diese Art der Orientierung wird als Pfadintegration bezeichnet. Von Alzheimer betroffene Menschen zeigen hier schon deutlich früher Einschränkungen als bei den klassischen Tests.
Und zu welchem Zeitpunkt kommen die Leute zu Ihnen?
Es gibt Menschen, die bereits Gedächtnislücken oder andere Einschränkungen an sich bemerkt haben. Wir sprechen von Menschen mit Subjective Cognitive Decline (SCD), subjektiv empfundener Verschlechterung. Wenn wir mit ihnen die klassischen neuropsychologischen Tests durchführen, sieht man aber nichts. Die sind erst mal völlig normal. Bei der Pfadintegration in der virtuellen Welt aber schneiden sie häufig schlechter ab als gesunde Vergleichspersonen. Einige Studien haben inzwischen gezeigt, dass ein hoher Prozentsatz der SCD-Menschen im Laufe von drei bis sieben Jahren Alzheimer beziehungsweise die entsprechenden Symptome entwickelt. Insofern könnte die Pfadintegration künftig ein wichtiges, einfach anzuwendendes Werkzeug für die frühe Diagnose sein. Bislang fehlte so ein Tool.
Es gibt viele verschiedene Gründe dafür, dass sich bei älteren Menschen das Orientierungsvermögen verschlechtert. Wie können Sie sicherstellen, dass tatsächlich Alzheimer zugrunde liegt?





