von FRANK FRICK
Medizinische Themen beeinflussen selten die Weltpolitik. Die COVID-19-Pandemie war eine Ausnahme. Eine weitere Ausnahme beruht auf der Frage: Inwieweit sind die Gehirne von 80-Jährigen noch leistungsfähig genug, um eine Großmacht wie die USA zu führen? Joe Biden wurde während seiner Präsidentschaft 82 Jahre alt und trat bei den letzten US-Wahlen vor allem wegen der Diskussion um seine geistige Fitness nicht erneut gegen Donald Trump an.
Einige Altersmediziner meldeten sich bereits im US-Wahlkampf von 2020 zu Wort und betonten, dass das chronologische Alter – nur eine Zeitangabe – nicht dem biologischen Alter entsprechen muss, das den geistigen und körperlichen Zustand widerspiegelt. „Biden wird Trump voraussichtlich überleben, auch wenn der drei Jahre älter ist“, prognostizierten sie. Biden weise für einen Mann seines Alters ein außergewöhnliches Gesundheitsprofil auf. Er habe einen idealen Body-Mass-Index, sei körperlich aktiv, nehme laut der öffentlich zugänglichen Daten wenige Medikamente, habe ausgezeichnete Cholesterin- und geringe Entzündungswerte.
In anderer Hinsicht seien sich Biden und Trump dagegen ähnlich: „Es gibt Hinweise, dass beide Kandidaten wahrscheinlich ‚Super-Ager‘ sind – eine Gruppe von Menschen, die ihre geistigen Fähigkeiten bis ins hohe Alter bewahren und tendenziell länger leben als der Durchschnitt ihres Alters“, schrieben Mediziner in ihrem Beitrag für die Zeitschrift „Journal on Active Aging“. Sie beriefen sich dabei vor allem darauf, dass sowohl Trump als auch Biden aus Familien mit außergewöhnlicher Langlebigkeit stammen.
Zwei der Autoren schalteten sich auch in die Debatte ein, als im US-Wahlkampf 2024 vor dem Rückzug Bidens die Diskussion um dessen geistige Leistungsfähigkeit mit neuer Intensität entbrannte. In der Washingtoner Zeitung „The Hill“ behaupteten sie erneut: „Präsident Biden weist Eigenschaften auf, die dem Status eines Super-Agers entsprechen.“
In einem solchen Zusammenhang klingt Super-Ager wie Superheld. Doch in der Wissenschaft hat der Begriff eine nüchterne Bedeutung. Ein Team der Northwestern University in Chicago prägte ihn 2012 für Menschen über 80 Jahren, die sich in einem Test an vorgelesene Wörter ebenso gut erinnern wie der Durchschnitt der 50- bis 65-Jährigen. 2016 entdeckten Mediziner vom Massachusetts General Hospital in Charleston, dass es unter jüngeren Seniorinnen und Senioren – 60 bis 80 Jahre alt – einige gibt, die genauso gut abschneiden wie 18- bis 32-Jährige. Auch sie nannten diese älteren Menschen Super-Ager.
In weiteren Studien galten Personen nur dann als Super-Ager, wenn sie neben einem jungen Gedächtnis noch weitere Kriterien kognitiver – geistiger – Leistungsfähigkeit erfüllten. Sie mussten in Tests Fähigkeiten zeigen, die es ihnen erlauben, im Alltag genauso zielgerichtet und flexibel zu handeln wie deutlich jüngere. Die Frage, was unter Super-Agern zu verstehen ist, mag wie Haarspalterei erscheinen. Forscher aus Sydney zeigten 2023, dass es dabei um mehr geht. Sie werteten die Daten von drei medizinischen Studien aus, an denen Personen über 65 teilgenommen hatten. Je nachdem, welchen wissenschaftlichen Maßstab sie für den Status Super-Ager anlegten, schwankte deren Anteil unter den insgesamt 1.615 Seniorinnen und Senioren enorm: Er lag zwischen 2,9 und 43,4 Prozent. Noch bedeutsamer ist, was die australischen Forscher außerdem zeigen konnten: Die Definition beeinflusst, inwieweit sich in magnetresonanztomografischen (MRT) Bildern des Gehirns Unterschiede zwischen Super-Agern und anderen gesunden Gleichaltrigen offenbaren.





