1929 bezog Adolf Hitler die Wohnung am Münchner Prinzregentenplatz 16 – Edgar Feuchtwanger war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal fünf Jahre alt. Die Wirtschaftskrise und der Aufstieg der NSDAP sollten nicht mehr lange auf sich warten lassen. Edgar Feuchtwanger emigrierte mit seiner Familie 1939 nach England, wo sie eine Heimat in Winchester fanden. Feuchtwanger studierte Geschichte an der Universität in Cambridge, lehrte später in verschiedenen Ländern auch deutsche Geschichte und veröffentlichte eine Vielzahl von Werken. Für seine Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus hat sich der Neffe des Bestseller-Autors und Nazi-Gegners Lion Feuchtwanger („Erfolg“, 1930) mit dem Publizisten Bertil Scali zusammengetan.
Scali und Feuchtwanger zeichnen in den Erinnerungen ein erwartungsgemäß düsteres Bild dieser Zeit: Die Ausgrenzung, die Zunahme der Gewalt, das beherrschende Gesprächsthema bei den Eltern, welches Land zur Emigration geeignet sei. Das alles vor den Augen und Ohren eines Kindes, das Heimat und Freunde verliert.
Um aus der Flut der (sehr wichtigen) jüdischen Erinnerungsliteratur hervorzustechen, bietet der Prinzregentenplatz mit dem Nachbarn Adolf Hitler ein literarisch dankbares Motiv. Obgleich es zu keiner Interaktion mit dem Diktator kommt, schaffen es die Autoren, das Symbol immer wieder heraufzubeschwören. Teilweise in so hoher Frequenz, dass das Gefühl entsteht, man wolle den interesseweckenden Titel rechtfertigen.
Die Gespräche der Eltern, die Feuchtwanger zum Leben erweckt, sind angefüllt mit historischen Details – eine durchaus angenehme Art der Kontextvermittlung. Manchmal wirken die vorgeblich sinngemäß erinnerten Dialoge jedoch gestelzt und wenig authentisch. Der gewählte Stil Scalis und Feuchtwangers, Erinnerungen aus Kindertagen in eher kindlicher Sprache wiederzugeben, mündet dann auch teilweise im Versuch, kindlichen Gedankensprüngen tiefe, symbolhaft-literarische Motive anzudichten, wo wenig Anlass dazu besteht.
Trotz dieser leichten narrativen Extravaganzen bleibt die Erzählung dicht und fesselnd, was in der Natur des Themas liegt: Der Versuch einer jüdischen Familie, so lange wie möglich im faschistischen Deutschland zu leben und zu überleben, erzeugt eine besondere Spannung, und das Schicksal der Familie geht dem Leser unter die Haut – unabhängig davon, ob Adolf Hitler in der Nachbarschaft wohnte oder nicht.
Rezension: Tim Brückmann




