Der Operationsplan, dessen Grundlinien von den Verschwörern wenige Tage zuvor festgelegt worden waren, war ebenfalls einfach: In einer koordinierten Aktion aller Streitkräfte sollten die Putschisten die wichtigsten Provinzhauptstädte schnell besetzen und sich anschließend die Kontrolle der Verkehrsknoten und Kommunikationszentren in der Hauptstadt sichern. Die Durchführung war effizient, präzise und vor allem äußerst brutal. Schon in den ersten Morgenstunden rollten die Panzer auf den Straßen Santiagos. Eine Ausgangssperre wurde verhängt, die Regierung zum Rücktritt aufgefordert. Die ersten Nachrichten über den Aufstand hatten Salvador Allendes Residenz schon in der Frühe erreicht. Das konstitutionelle Staatsoberhaupt begab sich in den Palast der Moneda, den chilenischen Regierungssitz, und hatte gerade noch die Zeit, eine letzte, besonders bewegende Rede an die Nation zu richten. Über die wenigen Radiosender, die noch nicht besetzt worden waren, konnten die Chilenen erfahren, daß ihr Präsident es ablehnte, sich dem Ultimatum der Rebellen zu beugen. Die Antwort des Militärs war die Bombardierung des Palastes durch die Luftwaffe. Ohne Polizeischutz und im brennenden Regierungsgebäude nahezu alleingelassen, nahm sich Allende am frühen Nachmittag des 11. September 1973 mit seiner Maschinenpistole – den Zeitzeugen nach ein Geschenk Fidel Castros – das Leben. Ein derart tragisches Ende war wahrlich nicht vorauszusehen gewesen, als Allende drei Jahre zuvor, als sozialistischer Führer der Unidad Popular (UP), einer Koalition linker und linksliberaler Kräfte, die Präsidentschaftswahl gewonnen hatte. Zwar war der erreichte Vorsprung gegenüber dem rechten Kandidaten hauchdünn gewesen (36,3Prozent zu 34,9Prozent der Stimmen) und die Zusammenarbeit mit einem von den Mitte-Rechts-Parteien dominierten Kongreß überaus kompliziert, dennoch erschien das politische Projekt Allendes nicht von vornherein unvereinbar mit den Positionen anderer demokratischer Kräfte. Insbesondere mit den Christdemokraten (PDC), die 1964 bis 1970 mit Eduardo Frei den Staatspräsidenten gestellt hatten, waren die programmatischen Übereinstimmungen nicht zu leugnen. Auf der einen Seite waren UP und PDC in der Diagnose der zwei größten Strukturprobleme einig, die eine sozial gerechte Modernisierung des Landes seit dem 19. Jahrhundert verhindert hatten: die Dominanz des Großgrundbesitzes und die ausländische Kontrolle der Wirtschaftsressourcen, insbesondere der Kupferproduktion. Auf der anderen Seite unterschieden sich die Bewältigungsstrategien doch erheblich. Hatten die Christdemokraten in den 1960er Jahren politisches Kapital aus ihrem Antikommunismus schlagen können (“revolución en libertad”– “Revolution in Freiheit” war das Motto von Freis Regierung gewesen), bekannte sich Allende offen zum Marxismus und plädierte für das gewagte politische Experiment eines “demokratischen Weges zum Sozialismus”. Die von seiner Regierung getroffenen Maßnahmen, die sowohl ein sozial orientiertes Umverteilungsprogramm als auch die Verstaatlichung in- und ausländischer Unternehmen in allen Wirtschaftssektoren umfaßten, bescherten ihm den Widerstand nicht nur der betroffenen Wirtschaftseliten, sondern auch der in ihren strategischen Interessen direkt tangierten US-Regierung. Die Nixon-Administration griff deshalb massiv in die chilenische Politik ein, indem sie regierungsfeindliche Gruppierungen oder oppositionelle Medien wie etwa die Zeitung “El Mercurio” finanziell unterstützte und die Position Allendes vor den internationalen Wirtschafts- und Kreditinstitutionen systematisch unterminierte. Allerdings kann nicht allein diese gezielte Destabilisierung der Regierung die stetige Verschlimmerung des politischen Klimas in dieser Periode hinreichend erklären. Eine Reihe von hausgemachten wirtschafts- und sozialpolitischen Fehlern sowie die rasche Zunahme politischer Gewalttaten ab 1971 entfremdeten die breiten Mittelschichten von der Regierung und trugen zur unaufhaltsamen Spaltung bei. Die Regierungskoalition sah sich wiederum außerstande, einheitlich und rechtsstaatlich konsistent auf die spätestens ab Herbst 1972 deutlich sichtbare Gefährdung der demokratischen Ordnung zu reagieren. Ständige Grabenkämpfe zwischen den radikalsten Mitgliedern der Sozialistischen Partei (PS) und den Allende unterstützenden Pragmatikern der Kommunistischen Partei (PC) lähmten das Regierungshandeln und lieferten den Gegnern der Unidad Popular – der beide Parteien angehörten – zusätzliche Argumente, um eine drastische Wende herbeizuwünschen, die den sozialen Frieden und die legale Normalität endlich wiederherstellte. Es war also erst die extreme Polarisierung der chilenischen Gesellschaft, ihre regelrechte Zweiteilung, die eine Militärintervention absehbar machte. Welche fatalen Konsequenzen ein solcher Schritt haben konnte, schien aber erstaunlicherweise nur einer kleinen Minderheit der politisch Verantwortlichen bewußt zu sein. Der halbwegs glimpfliche Ausgang eines ersten Putschversuchs im Juni 1973 verstärkte diese selbsttrügerische Haltung. Auch deswegen scheiterten die späten Versuche Allendes, die demokratische Ordnung durch die Einbindung regierungstreuer Generäle noch zu retten. Intern geschwächt und parlamentarisch delegitimiert, erschien die Lage der Regierung im September 1973 völlig aussichtslos…




