Das Tote Meer hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich: Vor drei Millionen Jahren war es noch als Lagune mit dem Mittelmeer verbunden. Auch vor 15.000 Jahren füllte ein großes Gewässer das Jordantal, der Wasserspiegel lag fast 300 Meter höher als heute. Doch während der letzten Warmzeit vor etwa 120.000 Jahren verschwand der Salzsee komplett, berichtete ein internationales Forscherteam jetzt auf der Tagung der American Geophysical Union in San Francisco.
Von Dezember 2010 bis März 2011 hatten die Forscher zwei Bohrkerne an der tiefsten Stelle des Toten Meeres geborgen. Die eine Bohrung reichte 450, die andere 350 Meter tief. Damit war das ?Dead Sea Drilling Project? unter Leitung von Zvi Ben-Avraham von der Tel-Aviv University etwa 200.000 Jahre tief in die Klimageschichte der Region abgetaucht. “Die Sedimente haben die Umweltbedingungen in der Region mit einer Auflösung von einem Jahr aufgezeichnet”, sagt Ben-Avraham. Der Seeboden ist wie ein Schichtkuchen aus grauen und weißen Lagen aufgebaut: Im Winter spülen Niederschläge dunklen Schutt aus den umliegenden Bergen in das Gewässer in der Grenzregion von Israel, Jordanien und dem Westjordanland. Im Sommer regnet es dagegen nie, am Boden setzen sich dann helle Kalk- und Salzmineralien ab.
Die größte Überraschung erlebten die Forscher, als sie den Bohrkern öffneten, der aus einer Tiefe von 235 Metern unter dem Seespiegel stammte: Sie fanden dort eine etwa 40 Zentimeter dicke Schicht aus Kieselsteinen, die offensichtlich aus einer Uferzone stammten. Die Kiesschicht befand sich direkt über einer 35 Meter dicken Salzlage. Das deuten die Forscher als Beleg dafür, dass das Tote Meer zu dieser Zeit komplett ausgetrocknet war. Derzeit ist die Schicht noch nicht exakt datiert, doch eine vorläufige Altersbestimmung deutet darauf hin, dass sie vor etwa 120.000 Jahren entstand, während der letzten Warmzeit.
Bislang waren Klimaforscher davon ausgegangen, dass das Tote Meer wegen seines hohen Salzgehalts nicht völlig verschwinden kann. Derzeit liegt seine Oberfläche 425 Meter unter dem Meeresspiegel ? Tendenz fallend. Die Kieselschicht zeigt jedoch, dass die Zuflüsse des Gewässers während der letzten Warmzeit komplett versiegten. Eine langanhaltende Dürre führte offenbar dazu, dass sich das gesamte im Wasser gelöste Salz am Seeboden absetzte.
Für die Forscher sind das alarmierende Nachrichten: ?Das Niveau des Toten Meeres sinkt bereits sehr schnell, weil die Menschen alle Süßwasserquellen nutzen?, sagt Steven Goldstein von der Columbia University, einer der Projektleiter. ?Die Tatsache, dass es in der Vergangenheit bereits einmal ausgetrocknet ist, bedeutet, dass seine Quellen erneut versiegen können, falls sich Vorhersagen über zunehmende Trockenheit bewahrheiten.?
Die Sedimente zeigen, dass das Klima in der Region während der Eiszeiten relativ feucht war. Während der Warmzeiten überwog dagegen trockenes Wüstenklima. “Für uns Geologen war es faszinierend, an so einer extremen Stelle zu bohren”, sagt Achim Brauer vom Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam, der zum Projektteam zählte. Auch Überflutungen, Sandstürme und Erdbeben, die sich vor vielen Tausend Jahren ereigneten, hinterließen charakteristische Zeichen im Sediment. Die Forscher sind jetzt dabei, die Ereignisse exakt zu datieren.
Besonders interessieren sie sich für Zeiten, die für die Menschheitsgeschichte eine Rolle spielten: Vor 50.000 oder 60.000 Jahren etwa verließen die Vorfahren des modernen Menschen Afrika und kamen dabei vermutlich auch am Toten Meer vorbei. Und vor zehntausend Jahren siedelten bereits Viehzüchter und Händler in Jericho, einer der ersten Städte auf der Welt. Auch die biblischen Städte Sodom und Gomorrha sollen am Ufer des Toten Meeres gelegen haben. Die Bohrkerne aus dem Seegrund können nun zeigen, ob Erdbeben oder Sandstürme eine Rolle bei der Zerstörung dieser Orte spielten.
Mordechai Stein (Geological Survey of Israel, Jerusalem) et al.: Eos Bd. 92, Nr. 49, S. 453 © wissenschaft.de – Ute Kehse





