von ANDREA HOFERICHTER
Ein Mausklick, und auf dem Computerbildschirm von Georg Wohlfahrt erscheint ein postkartenreifes Foto: strahlend blauer Himmel und schneebedeckte Alpengipfel, die üppige Kiefernwälder überragen, aufgenommen etwa 80 Kilometer von Innsbruck entfernt. Dort erforschen der Wissenschaftler und sein Team von der Universität Innsbruck das Befinden der Bäume und wie dieses mit dem Klimawandel wechselwirkt. Das Phänomen, das ihnen dabei helfen soll, ist auf dem Bild allerdings nicht zu sehen: das rote Leuchten des Waldes. „Das Leuchten ist zu schwach, um es mit bloßem Auge zu erkennen. Es wird vom reflektierten Tageslicht überlagert“, erklärt Wohlfahrt. Mit geeigneten Geräten lasse es sich aber messen, sowohl direkt an den Nadeln, als auch über den Baumkronen. Dort wird es von lichtleitenden Glasfaserkabeln am Ausleger einer Messbrücke eingefangen, die das Team in etwa 15 Metern Höhe zwischen den Kiefern gespannt hat.
Das Leuchten, das Biologen Chlorophyllfluoreszenz nennen, ist im Grunde die Sonnenenergie, die bei der Photosynthese übrigbleibt. Die Pflanzen nehmen Sonnenlicht über ihren Blattfarbstoff Chlorophyll auf und nutzen es, um Kohlendioxid und Wasser in Zucker zu überführen und so zu wachsen. „Die Energie, die sie nicht verwerten können, geben sie als Wärme oder eben als rotes Licht wieder ab“, erklärt Wohlfahrt. Grob gesagt gilt: Je schlechter die Photosynthese läuft, umso mehr Sonnenlicht bleibt übrig und desto heller leuchtet die Pflanze. „Die lichtinduzierte Fluoreszenz ist deshalb auch ein Maß dafür, wie viel CO2 in Biomasse umgewandelt wird“, so der Biometeorologe. Das Leuchtphänomen ist schon seit mehr als 50 Jahren bekannt, doch lange konnte es nur direkt am Blatt gemessen werden. Erst seit einigen Jahren wird es auch aus größeren Entfernungen detektiert, etwa von Messtürmen oder Flugzeugen aus und mit einem satellitengestützten Blick aus dem All.
Mithilfe der Fluoreszenzdaten wollen die Forschenden ermitteln, wie es um den Zustand von Wäldern, Wiesen und Feldern bestellt ist, wie viel Kohlendioxid sie speichern können. „Bisher gibt es dafür noch keine geeignetes Beobachtungsverfahren“, sagt Wohlfahrt. „Schätzungen zufolge binden unsere Landökosysteme ungefähr 30 Prozent der globalen CO2-Emissionen. Aber diese Zahl ist mit großen Unsicherheiten behaftet, und die große Frage ist, was passiert, wenn der Klimawandel die Vegetation verändert.“ Der Tiroler Kiefernwald sei als Modell für solche Prognosen besonders geeignet. „Die Bäume wachsen hier ausschließlich an warmen Südhängen, sind also schon heute an wärmere Temperaturen angepasst. Und sie haben häufig Trockenstress, weil sie auf klüftigem Kalkgestein wachsen, das sehr schnell austrocknet“, so der Forscher.





