…Vor diesem Hintergrund fand die Auseinandersetzung zwischen Bundeskanzler Konrad Adenauer und DGB-Chef Hans Böckler um die Festschreibung der paritätischen Arbeitnehmervertretung im Montanbereich statt. Schon am 23. November 1950 hatte Böckler in einem Brief an den Kanzler die noch ausstehende Demokratisierung in den Betrieben angemahnt. Schließlich war seit dem Amtsantritt Adenauers 1949 dessen überaus unternehmerfreundliche, den Arbeitnehmereinfluß aber begrenzende Politik in Gewerkschaftskreisen mit Mißfallen registriert geworden. Zugleich stellte Böckler in seinem Brief an Adenauer für Ende November eine Urabstimmung “über die Frage der Verteidigung eines bestehenden Mitbestimmungsrechts in allen Eisen schaffenden Unternehmungen” in Aussicht. Dieser mit einer Streikandrohung verbundene Vorstoß brachte Adenauer in eine verzweifelte Lage. Gesetzt den Fall, die Arbeiter im Ruhrbergbau hätten, angesichts des herannahenden Winters, ihre Arbeit tatsächlich niedergelegt, die Folgen wären einer innen- wie außenpolitischen Katastrophe gleichgekommen. Natürlich versuchte der Kanzler zunächst, dem DBG-Chef die Streikgedanken auszureden, indem er sogar deren Rechtmäßigkeit anzweifelte. Völlig unbeeindruckt pochte dieser jedoch auf die “Zulässigkeit der Anwendung gewerkschaftlicher Kampfmittel” unter Hinweis auf Artikel IX Absatz 3 des Grundgesetzes, worin den Arbeitnehmern das Koalitionsrecht eingeräumt werde “zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen, die den Interessen der Arbeitnehmer entsprechen.” Und Böckler setzte noch eins obendrauf: “Würde die Regierung das Urrecht auf Streik einschränken oder außer Kraft zu setzen versuchen, wäre das der erste Schritt auf dem Wege zur Diktatur.” Diesen deutlichen Worten wurde durch die Urabstimmung Anfang Januar 1951, aufgrund derer sich 93 Prozent der Bergleute und 96 Prozent aller Eisen- und Stahlwerker, immerhin 5,6 Millionen Arbeitnehmer, für einen Streik aussprachen, entsprechender Nachdruck verliehen. Am 25. Januar 1951 kam es zum Treffen zwischen dem Kanzler und dem DGB-Chef, in dem Adenauer und die Arbeitgeber-Delegation vor Böcklers Forderungen letztlich kapitulierten und diesen ohne Abstriche zustimmten…
Dr. Dirk Schindelbeck




