Als der junge Parzival zum ersten Mal in seinem Leben einen Ritter erblickte, gingen ihm fast die Augen über. Voll ehrfürchtiger Scheu sank er beim Anblick der von Kopf bis Fuß in schimmerndes Metall gehüllten Gestalt auf die Knie. Nichts wußte der in völliger Abgeschiedenheit aufgewachsene Jüngling damals vom Glanz der höfischen Welt. Parzival, der unwissende, bäuerliche Narr, vermeinte ohne Zweifel, einem göttlichen Wesen begegnet zu sein. Auch die höfischen Dichter und Minnesänger sahen sich angesichts der strahlenden Pracht des ritterlichen Waffenschmucks immer wieder an überirdische Erscheinungen gemahnt. Das silbrige Gleißen der Panzerhemden, die blitzenden Helme und farbenfroh leuchtenden Wappenschilder, all das ließ sie den Vergleich mit Engeln nicht scheuen.
Ganz anders als der unbedarfte Parzival dürfte sich die Mehrheit der ländlichen Bevölkerung des mittelalterlichen Europa kaum vom strahlenden Erscheinungsbild der gewappneten Panzerreiter haben blenden lassen. Nicht als gnadenspendende Engel traten ihnen ihre ritterlichen Zeitgenossen entgegen. Vielmehr begegneten sie den abhängigen Bauern weit häufiger als gestrenge Grundherren und machten bisweilen als hartherzige Eintreiber von Abgaben und Frondiensten oder schlichtweg als brutale Raubgesellen von sich reden. Die Klagen über gewaltsame Übergriffe adliger Herren und ritterlicher Ministerialen durchziehen die Quellen aus der Hochphase der höfischen Kultur und setzen sich bis ins ausgehende Mittelalter fort. Vernichtung der Ernte, Viehdiebstahl und Einäscherung ganzer Dörfer waren nicht nur die üblichen Begleiterscheinungen großer Kriege; sie gehörten auch in den zahlreichen regionalen Adelsfehden zum üblichen Repertoire ritterlicher Konfliktführung. Und selbst in Zeiten des Friedens war die bäuerliche Bevölkerung vor Gewalttaten besonders tyrannischer Herren nur unzureichend geschützt.
Der Zisterziensermönch Caesarius von Heisterbach etwa berichtet von einem sächsischen Ritter namens Ludolf, dem auf der Straße einst Bauer mit seinem Ochsenkarren begegnete. Als seine kostbaren Scharlachgewänder mit Schmutz von dabei von den Wagenrädern bespritzt wurden, geriet er in solch maßlose Wut, daß er sein Schwert zog und dem Bauern im Vorüberreiten den Fuß abschlug. Als spiegelnde Strafe Gottes, so fügte Caesarius grimmig hinzu, sei auch dem Edelherren später der Fuß abgefault.
Das Leben der Ritter, so belehrt der Bauernsohn Helmbrecht seinen greisen Vater in einer Erzählung des 13. Jahrhunderts, habe sich weit von den hohen Idealen früherer Tage entfernt: „Jetzt ruft man den ganzen Tag: ‚Los, jage Ritter, los, jage, jag! Stich zu, stich! Schlage drein, schlag zu!‘”. Der junge Helmbrecht will ihnen nacheifern und träumt davon, eben solch ein Rittersmann zu werden: “Die Bauern im ganzen Umkreis / erleben alles andere als Freude an mir. / Ihre Kinder müssen sich mit Wasserbrei begnügen. / Ja ich tue ihnen noch Schlimmeres an: / Dem drücke ich ein Auge aus; / diesen hänge ich in den Rauchfang; / diesen werfe ich gefesselt in einen Ameisenhaufen; / Jenem ziehe ich mit der Zange / die Haare einzeln aus dem Bart … / Der Bauern Gut wird alles mein!”.




