Cheliceraten, Insekten und Krebse gehen auf einen gemeinsamen Ursprung zurück – sie alle gehören zu den Arthropoden, den Gliederfüßern. Fossilfunde legen jedoch nahe, dass sich diese Gruppen schon im Zeitalter des Kambriums vor mehr als 500 Millionen Jahren auseinanderentwickelten. Ungefähr zu dieser Zeit müssen auch die Vorfahren aller Spinnen, Skorpione, Pfeilschwanzkrebse und Milben ihr namensgebendes Merkmal gebildet haben – die Kieferklaue. Dieser dreigliedrige Kopfanhang dient Pfeilschwanzkrebsen, Milben und Skorpionen als Greifer beim Beutefang, bei Spinnen enthalten die Cheliceren zudem meist Giftdrüsen, einige nutzen ihre Klauen auch zum Spinnen ihrer Seide oder zur Körperpflege. „Diese bemerkenswerte funktionale Vielseitigkeit war vermutlich entscheidend für den evolutionären Erfolg dieser artenreichen, ökologisch allgegenwärtigen und weltweit verbreiteten Gliederfüße“, erklären Rudy Lerosey-Aubril und Javier Ortega-Hernández von der Harvard University.

Fossil mit Kieferklaue statt Antenne
Doch wann dieses Kernmerkmal des Cheliceraten-Bauplans entstand, war bislang unklar. Zwar stammen einige der ältesten Fossilien von potenziellen Vorläufern dieser Tiergruppe aus der Zeit vor rund 520 Millionen Jahren. Bei ihnen waren die Cheliceren aber noch nicht ausgebildet. Das älteste eindeutig den Kieferklauenträgern zugeordnete Fossil ist 480 Millionen Jahre alt und stammt aus Marokko. Jetzt haben die beiden Paläontologen ein Fossil identifiziert, das den ältesten klaren Nachweis einer Kieferklaue bei einem Urzeit-Arthropoden darstellt. Der rund 500 Millionen Jahre alte Fund aus der Wüste des US-Bundesstaats Utah lag weitgehend unbeachtet in einer Museumssammlung in Harvard, bevor Lerosey-Aubril sich dieses Fossils annahm und es in mühevoller Kleinarbeit freipräparierte und unter dem Mikroskop untersuchte. Dabei entdeckte er, dass dieser vermeintliche Ur-Arthropode statt der erwarteten Antenne eine Klaue als ersten Kopfanhang trug.
„Bei kambrischen Arthropoden findet man niemals eine Klaue an dieser Position“, berichtet Lerosey-Aubril. „Ich brauchte ein paar Minuten, bis ich auf die offensichtliche Erklärung kam: Ich hatte gerade die älteste jemals gefundene Chelicere freigelegt.“ Das gut acht Zentimeter große Fossil trägt jeweils eine gut erkennbare bewegliche Klaue an den beiden ersten Kopfbeinen, die bereits wie bei modernen Cheliceraten nur einen Ast besitzen und dreigliedrig sind. Diese Kieferklaue entspringt wie bei heutigen Spinnen aus dem Vorderkörper des Tieres, der von einem aus mehreren Segmenten verschmolzenen Kopfschild überdeckt ist. Dieses Prosoma ist für heutige Spinnen, aber auch Skorpione und Pfeilschwanzkrebse typisch. Wegen der besonders großen Kieferklaue und zu Ehren des französischen Meeresforschers Jacques-Yves Cousteau haben die Paläontologen ihren Fund Megachelicerax cousteaui getauft.





