von KLAUS JACOB
Die Flutwelle, die vor 20 Jahren im Indischen Ozean wütete, hat die Einstellung der Menschen zum Meer verändert. Damals, ausgerechnet an Weihnachten, starben mehr als 230.000 Menschen, darunter viele Urlauber. Die meisten kannten die Gefahr gar nicht, die auf sie zuraste, sogar das Wort „Tsunami“ war ihnen fremd. Inzwischen ist jeder alarmiert, wenn sich das Meer weit zurückzieht oder eine seltsame hohe Welle auf die Küste zurollt. Und Wissenschaftler wollen dafür sorgen, dass sich eine Katastrophe, wie sie am 26. Dezember 2004 von einem Erdbeben vor der Küste Indonesiens ausging, nicht wiederholt.
Menschenleben kann man retten, wenn man frühzeitig erkennt, dass sich im Ozean eine Gefahr zusammenbraut. Im Pazifik haben Wissenschaftler schon 1949 ein Warnsystem installiert. Drei Jahre zuvor hatte ein Erdbeben auf den Aleuten – gelegen zwischen Nordamerika und Asien am Südrand des nordpazifischen Beringmeers – einen Tsunami ausgelöst, der auf Hawaii, also Tausende Kilometer entfernt, 165 Menschen in den Tod riss. Die Idee, die Wissenschaftler damals verwirklichten, ist einleuchtend: Ein Netz von Seismometern, das Erdbeben aufspüren, lokalisieren und ihre Stärke bestimmen kann. Da sich Erdbebenwellen viel schneller ausbreiten als Wasserwellen, bleibt eine Vorwarnzeit. Mit diesem Konzept arbeiten bis heute alle Frühwarnsysteme.
Allerdings erzeugt nicht jedes Erdbeben einen Tsunami. Der Meeresboden muss die Wassersäule wie ein Kolben nach oben drücken, sodass sich auf der Oberfläche ein Flutberg auftürmt. Ein seitlicher Versatz von Gesteinsschichten lässt das Wasser dagegen weitgehend in Ruhe. Deshalb sind neben den Seismometern zusätzlich Bojen im Meer nötig, die nach jeder Erschütterung eine mögliche Flutwelle registrieren.
GPS-Sensoren warnen vor
Das pazifische System, das zunächst vor allem Hawaii schützen sollte, wäre vor der Küste Indonesiens allerdings nur bedingt tauglich, weil dort andere geografische Verhältnisse herrschen. Der Pazifik ist sehr groß, sodass eine Welle stundenlang unterwegs ist, bevor sie auf der Inselgruppe Zerstörungen anrichten kann. Die brisante Erdbebenzone in Indonesien liegt aber in Küstennähe, was die Vorwarnzeit auf einige Minuten verkürzt. Ein internationales Forscherteam, vor allem vom deutschen Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ), hat deshalb etwas Neues entwickelt: Ergänzend zu den Bojen auf dem Meer und den Seismometern an Land haben die Wissenschaftler GPS-Sensoren an der Küste platziert.
Wenn sich in Küstennähe der Meeresboden sprunghaft hebt, so die Überlegung, sollte sich auch an Land der Boden bewegen. Genau darauf reagieren die GPS-Sensoren – und verlängern damit die Vorwarnzeit. Hätte Japan schon 2011 das ohnehin schon für die Erdbeben-Beobachtung vorhandene sehr dichte GPS-Netz in sein Tsunami-Frühwarnsystem integriert, wäre möglicherweise eine Katastrophe verhindert worden. Damals kamen nach einem starken Erdbeben mehr als 22.000 Menschen ums Leben. Es hatte einen Tsunami ausgelöst, dessen Wellen Städte zerstörten und auch das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi folgenschwer beschädigten. Die Seismometer und Bojen hatten nicht korrekt reagiert: Ausgerechnet die große Sensibilität der modernen Seismometer wurde zum Verhängnis. Denn die Erschütterungen waren so stark, dass die extremen Ausschläge keine verlässlichen Werte lieferten. So wurde die Magnitude des Bebens und damit auch die Größe des Tsunamis deutlich unterschätzt. Inzwischen nutzen auch die Japaner ihr GPS-Netz zur Vorsorge.





