Die Darstellung des Heidelberger Mediävisten Jörg Peltzer richtet sich zwar durch ihre Lesbarkeit an ein größeres Publikum, wird jedoch zugleich wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht. Von populären Wälzern, die das Interesse am „farbigen“ Mittelalter ausbeuten, unterscheidet sich dieses Buch schon durch die kritische Rekonstruktion, die eben nicht davon ausgeht, dass historische Fakten einfach bestehen, sondern zugleich darüber Rechenschaft ablegt, aus welchen Quellen sie sich herleiten lassen.
Deshalb gibt es schon zu Beginn Bemerkungen zur Quellenlage (etwa den verschiedenen Rezensionen der „Angelsächsischen Chroniken“, der zeitlichen Einordnung der altisländischen Sagas, den Kontroversen um den Teppich von Bayeux), aber auch in der Folge, etwa bei Einzelheiten der Schlachten und Legitimationsstrategien der Herrschenden, wird immer wieder auf die in vielen Fällen ja nicht eindeu‧tige Überlieferungslage aufmerksam gemacht. Damit wird der Text zwar oftmals erstaunlich komplex, doch kann man wohl von aufgeweckten Zeitgenossen, die beispielsweise Kriminalromane zum Vergnügen lesen, auch in dieser Beziehung eine gewisse intellektuelle Aufgeschlossenheit erwarten.
Und zu erzählen gibt es genug. Die Geschehnisse von 1066 sind prall von Anekdoten, Schwänken, Verbrechen und Taten aller Art. Vielleicht ist die Vorgeschichte zu ausführlich, zu detailreich, zu sehr mit Namen und Nebenfiguren angefüllt erzählt, aber damit bekommen die Ereignisse des Schlüsseljahres eine Tiefenperspektive. Hilfreich beim Zurechtfinden sind auch die Karten und Stammtafeln, an denen nicht gespart wurde.
Was vielleicht etwas zu kurz gekommen ist: die Perspektive der 950 Jahre seither; schließlich hat „1066“ in der Deutung seitdem eine wechselvolle Geschichte erfahren. Peltzers Werk endet, nachdem der Schlachtenlärm verklungen ist, mit den bleibenden Strukturen der Kirchen‧reform und den staunenswerten Kathedralen. Lesbar und lesenswert!
Rezension: Prof. Dr. Michael Maurer




