Am 31. März 1917 reichte Willem de Sitter, Astronom der Sternwarte im holländischen Universitätsstädtchen Leiden, einen Artikel bei der Königlichen Akademie der Wissenschaft in Amsterdam ein, der sich im Rückblick als wissenschaftlicher Paukenschlag erweisen sollte. Er wurde im 19. Band auf den Seiten 1217 bis 1225 gedruckt, doch zunächst kaum beachtet. Ein ausführlicher Text auf Englisch erschien im November 1917 im Band 78 der “Monthly Notices of the Royal Astronomical Society” mit dem Titel “Einstein’s theory of gravitation and its astronomical consequences. Third paper”. Es war der dritte Teil einer Serie, die die Allgemeine Relativitätstheorie erstmals in der englischsprachigen Welt bekannt gemacht hatte. Doch hier stellte der Astronom eine originelle Eigenleistung vor, die bis heute in der Kosmologie von großer Bedeutung ist.
De Sitter war mit Einstein befreundet, der mehrfach in Leiden Vorträge und Vorlesungen gehalten hatte. Tatsächlich wurden dort schon früh viele Arbeiten zur Relativitätstheorie verfasst, nicht nur von de Sitter. Es waren auch die Diskussionen in Leiden, die Einstein veranlasst hatten, im Februar 1917 erstmals die Allgemeine Relativitätstheorie auf das Universum als Ganzes anzuwenden. Dabei komplettierte er die im November 1915 gefundenen Gleichungen seiner Gravitationstheorie mit der Kosmologischen Konstanten (bis heute die beste und einfachste Erklärung , warum sich der Weltraum immer schneller ausdehnt). Und er formulierte das Modell eines statischen, endlichen, aber unbegrenzten Universums ( hier die Würdigung dieses Jahrhundertereignisses ). Das war der Beginn der modernen Kosmologie.
Einstein war nicht erfreut
Doch Einsteins geniale Idee bekam schon wenige Wochen später Konkurrenz. Am 20. März 1917 teilte ihm de Sitter – im Ersten Weltkrieg damals schwer an Tuberkulose erkannt – in einem Brief mit, er habe eine andere kosmologische Lösung der Einstein-Gleichungen entdeckt. Sie beschreibt ein Universum ganz ohne Materie, das von der Kosmologischen Konstante beherrscht wird. “Ich bin neugierig, ob Sie sich mit dieser Beschauungsweise vereinigen können”, schrieb de Sitter an Einstein und bevorzugte seine Lösung – das zweite relativistische Weltmodell überhaupt! – gegenüber Einsteins Idee. Der hielt das aber für “reine Geschmacksache”.
Einstein antwortete gleich am 24. März. Er glaubte nicht, dass das Modell eine „physikalische Möglichkeit” darstellte. “Es wäre nach meiner Meinung unbefriedigend, wenn es eine denkbare Welt ohne Materie gäbe.” Die “materielle Bedingtheit der Geometrie” sei “der Kern dessen”, was er “unter der Forderung von der Relativität der Trägheit verstehe”. Um diese zu erfüllen, hatte er im Vormonat die Kosmologische Konstante überhaupt erst eingeführt. Dass sie sich als Pyrrhus-Sieg oder gar Eigentor erweisen würde, wollte er nicht akzeptieren.






