Die Alarmsignale sind unübersehbar: Bevölkerungsexplosion, Hungersnöte, abgeholzte Regenwälder, ausgebeutete Erzlagerstätten, aufgeheiztes Weltklima. So wie es aussieht, treibt das derzeitige Weltwirtschaftssystem die Menschheit in den Ruin – durch den Raubbau an Natur und Rohstoffen und einen fehlenden sozialen und kulturellen Ausgleich unter den Ländern der Welt. Wir sind dabei, im Rahmen einer entfesselten globalisierten Ökonomie das soziale, kulturelle und ökologische Kapital massiv anzugreifen. Die Globalisierung der Wirtschaft – ausgelöst vor allem durch die neuen Möglichkeiten der Informationstechnik – lenkt die Dinge angesichts ungeeigneter weltweiter Regeln in eine falsche Richtung. Das Regelwerk eines freien Welthandels, das vor allem durch die Welthandelsorganisation WTO vertreten wird, bestimmt zunehmend die Ökonomie auf dem Globus – zusammen mit den weltweit verflochtenen Finanzsystemen. Fragen zu Umwelt und Gesellschaft werden kaum thematisiert. Die Folgen sind ein unkoordiniertes Wachstum und eine zunehmende soziale Spaltung in fast allen Ländern. Der Druck auf ökonomisch schwächere Kulturen wächst. Darin liegt auch ein wesentlicher Grund für Konflikte des Westens mit der islamischen Welt. Um dem entgegenzuwirken, ist eine Änderung der weltweiten Ordnungssysteme hin zu einer globalen öko-sozialen Marktwirtschaft erforderlich, angelehnt an das kontinentaleuropäische Konsens-Modell. Die Art, wie in Europa und auch in vielen asiatischen Ländern die Märkte organisiert sind, ist mustergültig dafür, was weltweit geboten wäre. Auch die dauernde Erweiterung der EU – als kleine Form der Globalisierung – kann als Vorbild dienen. Entscheidend sind Vereinbarungen zwischen wirtschaftlich stärkeren und schwächeren Partnern über die Angleichung von Standards in der Gesellschaft. So eröffnen die stärker entwickelten EU-Länder den neu hinzukommenden Partnern über eine Co-Finanzierung den Weg, höhere Standards akzeptieren zu können – obwohl sie dadurch einen Teil ihrer Wettbewerbsfähigkeit verlieren, die etwa aus dem Unterlaufen von Umweltrichtlinien resultiert. Im globalen Maßstab hapert es jedoch an Co-Finanzierung: Die reichen Länder – allen voran die USA – sind bisher nicht bereit, die Finanzierung von Entwicklungsprogrammen wesentlich mitzutragen. Es ist daher notwendig, dass ein „Global Governance System” etabliert wird, das die Frage der Co-Finanzierung ins Zentrum rückt. So könnten an der Umsetzung von Standards orientierte Entwicklungsprogramme gestartet werden – finanziert durch eine Besteuerung von Welthandel und Finanztransaktionen oder durch internationale Abgaben auf Mobilität und Energieverbrauch, etwa in Form einer Welt-Kerosinsteuer. Natürlich ist nicht zu erwarten, dass Menschen freiwillig unter ihren erreichten materiellen Status zurückfallen wollen. Selbst der reiche Norden verlangt als Gestaltungselement seiner künftigen politischen Prozesse unbedingt weiteres Wachstum. Und der Süden will massiv aufholen. Das entscheidende Instrument zur Lösung dieses Dilemmas ist der weitere technisch-gesellschaftliche Fortschritt in Form von Dematerialisierung. Das bedeutet einen deutlich sinkenden Verbrauch an Rohstoffen in der Produktion und eine höhere Ökoeffizienz – etwa in Form besserer Recyclingtechniken. Solche Konzepte wurden von Ernst Ulrich von Weizsäcker und Friedrich Schmidt-Bleek am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie entwickelt. Sie propagieren eine Vervierfachung (Modell von Weizsäcker) bis eine Verzehnfachung (Modell Schmidt-Bleek) der Ökoeffizienz über die nächsten 20 bis 40 beziehungsweise 50 bis 100 Jahre. Ziel ist es, mithilfe neuer technischer und organisatorischer Möglichkeiten die bisherige Lebensqualität zu sichern – dies freilich nur mit einem Viertel beziehungsweise einem Zehntel des heutigen Ressourcenverbrauchs und der jetzigen Umweltbelastungen pro Wertschöpfungseinheit. Für die hier erstmals einer großen Öffentlichkeit vorgestellte neue Zukunftsformel wird ein doppelter Faktor 10 zugrunde gelegt. Dahinter stehen zwei Ziele für die nächsten 50 bis 100 Jahre: eine Verzehnfachung des globalen Bruttosozialprodukts und eine gleichzeitige Verzehnfachung der Ökoeffizienz. Wir würden dann also weltweit über zehnmal soviel Güter und Dienstleistungen verfügen wie heute, Umweltbelastung und Ressourcenverbrauch würden sich aber im Vergleich zu heute nicht mehr erhöhen. Der technologische Fortschritt eröffnet in diesem Konzept für alle Menschen die Chance, ein von Not und Armut freies, Sinn stiftendes Leben in Würde und unter Beachtung sozialer, kultureller und ökologischer Anliegen zu führen. Das Hauptproblem bei der Umsetzung dieses Konzepts ist nicht, die Ökoeffizienz in dem beschriebenen Umfang zu steigern, sondern zu verhindern, dass Ressourcenverbrauch und Umweltbelastungen dennoch zunehmen. Hier sind weltweite Abkommen für eine nachhaltige Entwicklung erforderlich – die größte Herausforderung, die vor uns liegt. Notwendig sind globale Umweltschutzverträge, die ihrerseits eine starke Angleichung der sozialen Verhältnisse voraussetzen. Das ist auch deshalb geboten, weil nur so die Bevölkerungsexplosion weltweit eingedämmt werden kann. Die Menschheit könnte sich so von zwischenzeitlich maximal zehn Milliarden Menschen auf wenige Milliarden zurückentwickeln. Allein dadurch ließe sich das Pro-Kopf-Einkommen steigern, ohne die Natur zusätzlich zu belasten. Zugleich würde ein höherer sozialer Ausgleich in einigen Jahrzehnten auch das Tempo der heute überschäumenden Innovationsprozesse dämpfen und die Welt in einen besser steuerbaren und deutlich nachhaltigeren Zustand führen. Dematerialisierung und eine Erhöhung der Ökoeffizienz sind keine neuen Konzepte. Sie finden seit jeher und permanent statt – fast von alleine und gerade unter Marktbedingungen. Sie sind normale Begleiterscheinungen des technischen Fortschritts. Aber es ist falsch zu glauben, dass neue Technologien, die die Ökoeffizienz erhöhen, automatisch nachhaltige globale Zustände herbeiführen. Denn die Lösung eines Problems zieht häufig neue Probleme nach sich. Beispiele dafür sind die wachsende Menge an Elektronikschrott bei immer kleineren Mikrochips, das Anschwellen der Papierberge in Zeiten des vermeintlich papierlosen Büros oder die zunehmende Zahl an Reisen im Zeitalter von Telekommunikation und Handys. Insbesondere würde unter den heutigen Weltwirtschaftsbedingungen, die durch die Freihandelslogik der WTO bestimmt sind, weiteres Wachstum trotz höherer Ökoeffizienz stets stärkere Ressourcenausbeutung und Umweltverschmutzung zur Folge haben. Technischer Fortschritt alleine reicht also nicht aus, um Nachhaltigkeit zu erreichen. Ein weiteres Problem kommt hinzu. Denn Wachstum wird üblicherweise über das Bruttosozialprodukt und seine Veränderung definiert. Problematisch daran ist, dass Unfälle und Zerstörungen und deren Bewältigung oft als positive Beiträge ins Bruttosozialprodukt einfließen, mithin als Wachstum gewertet werden. So würde der diskutierte Wiederaufbau des am 11. September zerstörten World Trade Centers sich im Bruttosozialprodukt der USA positiv niederschlagen. Das gravierendste Problem ist aber, dass der ersatzlose Verbrauch wichtiger sozialer, kultureller und ökologischer Bestände ebenfalls positiv zu Buche schlägt. Beispiele sind: der massive Zugriff des Nordens auf gut ausgebildete Menschen in Schwellenländern, die Zerstörung gewachsener regionaler landwirtschaftlicher Selbstversorgerkulturen und die Zerstörung von Böden und Atmosphäre etwa durch Monokulturen. In Zukunft müssen wir uns auf einen Wachstumsbegriff einigen, der mit der Vorstellung einer nachhaltigen Entwicklung verträglich ist. Das bedeutet: Alle wichtigen ethischen Anliegen müssen in Form von Vorgaben und Restriktionen in die Rahmenbedingungen der Weltökonomie eingebunden werden. Die Wachstumsraten werden dann – zumindest kurz- bis mittelfristig – niedriger sein als heute. Dafür werden die Zahlen ehrlicher: Die einzige Quelle für mehr Wertschöpfung werden technische und gesellschaftliche Innovationen sein – und nicht gesteigerte Zerstörung und Ausbeutung. Die Verankerung ökologischer Restriktionen sowie sozial-kultureller Erfordernisse in der Ökonomie lässt sich nur über einen Konsens erreichen, an dem vor allem die WTO beteiligt sein muss. Dazu müssen sowohl der reichere Norden als auch der ärmere Süden bereit sein, auf weiteres Wachstum durch Kannibalisierung zu verzichten. Zusätzlich müsste der Norden über eine Co-Finanzierung von Aufbauprogrammen – mit dem Ziel einer größeren sozialen Gerechtigkeit – den Süden für einen solchen Weg gewinnen. Denn die ärmeren Länder können angesichts ihrer wirtschaftlichen Schwierigkeiten Forderungen nach härteren Öko- und Sozialstandards nur dann zustimmen, wenn der reiche Norden dies mitfinanziert – so wie das innerhalb der EU-Erweiterungsprozesse stets der Fall ist. Die Frage des sozialen Ausgleichs ist damit das entscheidende Kriterium für Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit. Soziale Ungleichheit kann man mathematisch durch eine so genannte Lorenz-Verteilung beschreiben. Sie zeigt, über wie viel Prozent des Gesamteinkommens die Ärmsten der Gesellschaft verfügen. Bei völligem Ausgleich – also einem „ idealen Kommunismus” hätten beispielsweise die 10 Prozent Ärmsten auch 10 Prozent vom Gesamteinkommen. In der Marktwirtschaft ist der Anteil freilich stets geringer, wobei hier das Gesamtniveau des Einkommens in der Regel höher ist. Gesellschaftlich ist außerdem die Frage interessant, wie weit die niedrigsten Einkommen vom durchschnittlichen Einkommen entfernt sind. Daran lassen sich die wirtschaftlichen Möglichkeiten der sozial Schwachen in einer Gesellschaft erkennen. Bei einer zu großen Ungleichheit wird vielen Menschen eine genügend hohe Wertschöpfungsfähigkeit vorenthalten. Diese Unterprivilegierten haben nicht genug Geld, um an Ausbildung und Infrastrukturen zu partizipieren. Statt gut ausgebildeter Fachleute gibt es zahllose Dienstboten und Hilfskräfte. Gesellschaften mit hoher sozialer Ungleichheit bleiben insgesamt arm, ebenso wie solche mit zu hoher Gleichheit. Eine neue mathematische „Equity-Theorie” (von englisch: equity, Gerechtigkeit) fasst die Ungleichheit einer Gesellschaft in einer Formel zusammen, die den Vergleich der niedrigsten zu den durchschnittlichen Einkommen über eine Vielzahl von Teilpopulationen als Ausgangspunkt nimmt. Den Grad an sozialem Ausgleich beschreibt ein Equity-Faktor e, der im Wesentlichen durch folgende Gleichung bestimmt ist: niedrigste Einkommen = ε x Durchschnittseinkommen Dieser Ansatz baut direkt auf der EU-Definition von Armut auf. Demnach gelten Menschen als arm, wenn sie über weniger als das halbe Durchschnittseinkommen ihres Landes verfügen. Das entspricht einem Equity-Faktor 0,50. In Europa liegen die Equity-Faktoren in Österreich, den skandinavischen Ländern, Italien und Deutschland in einer Spannbreite von 0,65 bis 0,59. Die etwas raueren Verhältnisse in Frankreich und der Schweiz zeigen sich in einem Equity-Faktor von 0,54. In Großbritannien liegt der Faktor mit 0,5 deutlich niedriger und weist ein gutes Stück in Richtung auf US-Verhältnisse. Dort ist die Ungleichheitssituation noch schärfer (0,47). Russland liegt bei 0,37, alte Kolonial- und Apartheidsregime mit klarem Oben und Unten wie Mexiko, Südafrika und Brasilien bei 0,33, 0,28 und 0,27. Das Extrem stellt aber der Zustand des gesamten Globus dar: Der Welt-Equity-Faktor liegt – soweit die vorhandenen Daten eine präzise Aussage zulassen – bei etwa 0,125. Das heißt, die Welt als Ganzes ist sozial weit mehr gespalten als jedes einzelne Land. De facto befinden wir uns heute in einer globalen Apartheid, einem absolut nicht friedens- und zukunftsfähigen Zustand. Dies ist das größte Hindernis für eine nachhaltige Entwicklung und letztlich eine der tieferen Ursachen für die Ereignisse des 11. September 2001. Die Armutsdefinition der EU sieht sozialen Ausgleich als ein relatives Konzept: Es kommt auf die Verhältnisse der Einkommen untereinander an, nicht nur darauf, was den Armen absolut zur Verfügung steht. Diese Sichtweise unterscheidet sich klar von der vieler Denker in den USA und der regulierungs- und effizienz-euphorischer Ökonomen weltweit. Diese versuchen mit einem erheblichen argumentativen Aufwand zu begründen, warum es gut und richtig ist, dass die ohnehin schon weit überdurchschnittlich profitierende Spitze der Gesellschaft aus einem weiteren Zuwachs noch einmal überproportionalen Nutzen zieht. Für die europäische Betrachtungsweise der Armut spricht, dass starke Einkommensunterschiede zu unausgeglichenen Zuständen führen, die Demokratie gefährden und die Menschenwürde des ärmeren Teils der Bevölkerung bedrohen. Die USA haben für sich ein sozial unausgewogenes ökonomisches System gewählt. Dieses scheint durch eine stärkere Honorierung von Spitzenleistung und Risikobereitschaft und durch einen größeren Druck auf Leistungsverweigerer ein geringfügig höheres Wachstum als etwa in den europäischen Staaten zu ermöglichen – allerdings um den Preis großer sozialer Ungleichheit und daraus resultierender Spannungen. Ein Ergebnis davon ist: Die USA geben unter den entwickelten Ländern pro Kopf am meisten Geld für Gefängnisse aus. Zusätzlich scheint es so zu sein, dass die USA diesen Grad an Ungleichheit nur deshalb durchhalten können, weil sie bisher viele potentielle Konflikte durch die Einwanderung von Menschen mit ausgewählten Kenntnissen und Fähigkeiten – etwa durch Greencards – abfedern konnten. Als größter Nutznießer des von ihnen wesentlich mitinitiierten globalen ökonomischen Systems profitieren die USA zudem von Finanzzuflüssen zum Dollar als Weltreservewährung. Die US-Strategie geht somit teilweise zulasten anderer und ist daher nicht auf die übrige Welt übertragbar. Der reiche Norden steht heute vor der Frage, ob er noch mehr Mittel dafür aufwenden will, sich zu verbunkern und Konflikte abzuwehren – bis hin zur Einschränkung der Bürgerrechte des Einzelnen und mittelfristig zum Schutz von Umwelt und Ressourcen durch ökodiktatorische Lösungsansätze – oder ob er die politische Herausforderung der Überwindung der weltweiten Spaltung in Angriff nimmt. Auf Dauer wird man die Vorteile der Globalisierung nicht nutzen können, ohne gleichzeitig die weltweiten sozialen Auswirkungen mitzutragen. Soziale Fragen müssen zum Gegenstand der Weltpolitik werden. In der fehlenden Bereitschaft, hier entschieden zu handeln, liegt im Moment das größte Versagen der reichen Länder und ihrer Eliten. Ein wesentlicher Faktor ist dabei das Verhalten der Vereinigten Staaten – seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Herrscher über die durch sie geprägten Weltordnungssysteme. Bisher haben die USA – meist mit Unterstützung aller reichen Länder – Bollwerke gegen die Einbeziehung öko-sozialer Lösungselemente in die Weltordnung gebaut. An keiner anderen Stelle sind die USA so wenig kompromissbereit. Heute ist es so, dass der Norden mit nur 20 Prozent der Menschen über 80 Prozent des Welteinkommens verfügt. Die Frage ist deshalb, wie die Welteinkommen nach einem weiteren Faktor 10-Wachstumsschritt verteilt sein sollten. Ist das Ziel ein hoher sozialer Ausgleich wie in Europa, also ein Welt-Equity-Faktor von etwa 0,5, dann ist die Aufteilung 4:34 am besten geeignet. Das heißt: Der Norden vervierfacht noch einmal seinen Konsum über die nächsten 50 bis 100 Jahre hin zu einem Anteil von 32 Prozent (320 von dann 1000 Einheiten). Das würde es dem Süden erlauben, seinen Anteil von heute 20 von 100 Einheiten auf 680 von 1000 Einheiten (68 Prozent) zu vervierunddreißigfachen. Damit würden sich die Nord-Süd-Anteile an der Weltwirtschaft stärker angleichen: Ist das Verhältnis heute 80:20, so wäre es durch die genannte Entwicklung 320:680. Diese Art der Nutzung eines doppelten Faktors 10 im Rahmen eines Weltvertrags für eine nachhaltige Entwicklung führt direkt auf die Zukunftsformel 10 ~ 4 : 34. Auch wenn man den weiteren Bevölkerungszuwachs im Norden auf geschätzte 1,75 Milliarden und im Süden auf 7,25 Milliarden Menschen bis 2050 berücksichtigt, wäre der Norden pro Kopf immer noch doppelt so reich wie der Süden. Verglichen mit dem heutigen Unterschied von durchschnittlich einem Faktor 16 wäre das aber ein gewaltiger Schritt zu mehr Gerechtigkeit. Durch diese Entwicklung könnte man einen weltweiten Equity-Faktor von 0,49 erreichen – also ein höheres Maß an Ger
Ein Faktor 10 an Wirtschaftwachstum würde eine durchschnittliche jährliche weltweite Wachstumsrate von 4,71 Prozent in einer 50-jährigen und von 2,33 Prozent in einer 100-jährigen Perspektive bedeuten. Bei einer 4:34-Aufteilung könnte der Norden immer noch mit einer substanziellen wie nachhaltigen Wachstumsrate rechnen: Mit durchschnittlich 2,81 Prozent pro Jahr (50-jährige Perspektive) beziehungsweise 1,39 Prozent pro Jahr (100-jährige Perspektive). Für den Süden wären dagegen 7,31 Prozent pro Jahr beziehungsweise 3,59 Prozent erreichbar. Um diese Entwicklung anzuschieben, müssen zwei bis drei Prozent des Weltbruttosozialprodukts umverteilt werden – ähnlich wie das im Rahmen der EU-Erweiterungen bereits Praxis ist: für gezielte Entwicklungsprozesse, für bessere Ernäh- rung und Ausbildung, für Frauenförderung, für Gesundheits- und Rentensysteme – entsprechend der Logik einer sozialen Marktwirtschaft. Die Verantwortung, dieses Ziel der sozial-ökologischen Gerechtigkeit zu erreichen, lastet auf Europa: Zum einen müssen die Europäer die USA gewinnen, sich stärker in Weltordnungsverträge einzubringen, etwa beim Weltgerichtshof, beim Kyoto-Abkommen zur Reduktion der Treibhausgase und der Fortentwicklung der Welthandelsorganisation. Zum anderen werden sie in absehbarer Zeit durch die Aufnahme der Türkei und des früheren Jugoslawiens in die EU erstmals einen fairen kulturellen Vertrag zwischen der christlichen und der islamischen Welt schließen müssen. Dieser könnte der Ausgangspunkt sein, um die kulturellen Spannungen in der Welt abzubauen – zum Nutzen der Menschheit.
Kompakt
In 50 bis 100 Jahren können die Menschen dank technischem Fortschritt über zehnmal soviel Güter und Dienstleistungen verfügen wie heute – bei unveränderter Umweltbelastung und ohne höheren Verbrauch an Ressourcen. Erforderlich ist eine Weltordnung, die Umweltschutz mit sozialem Ausgleich koppelt. Dann könnte der Wohlstand der reichen Länder nochmals um den Faktor 4 zunehmen und jener der armen Länder um den Faktor 34. Angeschoben werden kann diese Entwicklung, wenn der Erweiterungsprozess der EU als Vorbild für eine Integration der Welt zu einem Ganzen gewählt wird.
Theorie der (un-)Gleichheit
Die neue mathematische Theorie der sozialen Gleichheit (T. Kämpke, R. Pestel, F. J. Radermacher: A computational concept for normative equity, FAW 2001) beruht darauf, dass der Faktor nicht nur für die Gesellschaft als Ganzes, sondern auch für die jeweils x Prozent Reichsten (für jeden beliebigen Wert x) unterstellt wird. Es wird also angenommen, dass innerhalb der x Prozent Reichsten die dort Ärmsten über ein Einkommen verfügen, das ε-mal (ε ≤ 1) das Durchschnittseinkommen der x Prozent Reichsten ausmacht. Dies führt auf eine lineare, inhomogene, von ε abhängige Differenzialgleichung, F´(x) 0 >ε (1-F(x)⁄1-x), 0ε , das die beste Annäherung an die empirisch bekannten Verteilungswerte dieses Landes erreicht (gemäß UN-Verteilungsstatistiken). So wurden auch die nebenstehenden Werte ermittelt, wobei die zur Verfügung stehenden Daten nicht immer optimal sind.
Internet
Homepage des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW) in Ulm sowie weitere Informationen zu Franz Josef Radermacher : www.faw.uni-ulm.de/deutsch/ Verschiedene Beiträge zu Themen rund um die Globalisierung: www.bpb.de/info-franzis/info_263/body_i_263.html Homepage der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Globalisierung der Weltwirtschaft–Herausforderungen und Antworten”: www.bundestag.de/gremien/welt/ Interessante Zahlen und Daten zur Kohlendioxid-Emissionen und Solarenergie: www.volker-quaschning.de/index2.html Projekte des Wuppertal Instituts, außerdem umfangreiche Bücherliste zu Themen um Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Ressourcenschonung: www.wupperinst.org
Informationen zu statistischen Kennzahlen des Auslands Statistisches Bundesamt Bonn (Tel: 01888-64 48 91 8) auslandsinfo@destatis.de
Wortlaut der „Verpackungsverordnung”: www.umweltrecht.de/recht/abfall/verpack.vo/vpv_ges.htm
Selbstdarstellung des Dualen Systems Deutschland: www.gruener-punkt.de
Daten und Links zu „Nachhaltigkeit”: www.umweltbundesamt.de
Lesen
Ernst Ulrich von Weizsäcker, Amory Lovins, Hunter Lovins FAKTOR VIER Doppelter Wohlstand – halbierter Naturverbrauch Droemer Knaur 1995, € 10,50
Franz Josef Radermacher Balance oder Zerstörung Ökosoziale Marktwirtschaft als Schlüssel zu einer nachhaltigen Entwicklung Ökosoziales Forum Österreich (Tel: +43-1-53 30 79 70) Wien, März 2002, € 7
Amory Lovins, Peter Hennicke Voller Energie Vision: Die globale Faktor- Vier-Strategie für Klimaschutz und Atomausstieg Campus Verlag Frankfurt 1999, (vergriffen)
Friedrich-Wilhelm Wellmer, Jens Becker-Platen MIT DER ERDE LEBEN Perspektiven einer nachhaltigen Rohstoffwirtschaft Springer 1999, € 49,95
Dennis Meadows Die Grenzen des Wachstums Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart 1972 (vergriffen)
International Energy Agency WORLD ENERGY OUTLOOK 2001 INSIGHTS OECD/IEA 2001 $ 150 (ISBN 92-64-19658-7)





