Text: Oliver Abraham
Als noch niemand an New York, Tokio, Shanghai oder Singapur dachte, war Hamburg schon eine florierende Hansestadt. Seit dem 13. Jahrhundert wurden dort Fisch, Tuch, Zucker, Tabak, Bier, Wein, Kakao, Gewürze oder Kaffee gehandelt. Heute bringen riesige Containerschiffe immer neue Waren in den Hamburger Hafen.
Mit den ersten größeren Schiffen kam der Umbau der Elbe zu einer funktionalen Wasserstraße, und Ähnliches geschah an Weser und Ems. Doch als der Mensch begann, die Flüsse zu begradigen und zu vertiefen, Deiche zu bauen und neu gewonnenes Land landwirtschaftlich zu nutzen – da verschwanden einzigartige ökologische Lebensräume zwischen Meer und Fluss.
In den Ästuaren, den trichterförmigen Flussmündungen, in die die Gezeiten ein- und auslaufen, ist das Wasser nicht mehr richtig süß wie im Fluss, aber auch noch nicht so salzig wie im Meer. Der Bereich, in dem sich Süß- und Salzwasser mischen, heißt Brackwasserzone, erklärt Beatrice Claus, Leiterin des Projekts „Krautsand“, dessen Ziel der Erhalt des Elbästuars ist. Das Großprojekt wurde 2020 vom WWF Deutschland gemeinsam mit der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe ins Leben gerufen und soll bis 2034 die typischen Naturräume mit ihrer biologischen Vielfalt wiederherstellen. Auch an den beiden anderen großen Ästuaren Deutschlands, an Ems und Weser, gibt es Projekte, in denen Naturschützer und Landschaftsplaner daran arbeiten, den natürlichen Lebensraum Stück für Stück zurückzubringen – und so die darin lebenden Arten zu erhalten.
Denn die Ästuare beherbergen eine besondere Artenvielfalt, die nirgends sonst so existiert. Je nach Salzkonzentration des Wassers gibt es viele unterschiedliche Biotope. Die darin vorkommenden Arten haben sich an die jeweiligen Bedingungen angepasst und können nur in diesen Bereichen überleben. So bilden etwa Süßwasser-Röhrichte wie auch Brackwasser-Röhrichte in den Ästuaren häufig die Vorposten für die höheren Pflanzenwelten. Diese schließen sich dann etwa in Form von einzigartigen Tide-Auwäldern an. Die Röhrichte sind als gefährdet bis stark gefährdet eingestuft und auch die Tide-Auwälder gelten als hochgradig gefährdet und stehen ebenfalls unter Schutz.
Das Naturschutzgroßprojekt Krautsand
Zwischen Hamburg und Cuxhaven, im Landkreis Stade, befindet sich Krautsand – rund 2.800 Hektar groß und im Süßwasserbereich der Elbe liegend, an der Grenze zur Brackwasserzone, und eingerahmt von der Wischhafener Süderelbe und dem Ruthenstrom, zwei Nebenarmen der Elbe. Nach einer Sturmflut wurde Krautsand 1980 eingedeicht. Sperrwerke werden seither bei Sturmfluten geschlossen, Priele, über die vorher bei Flut das Meerwasser ins Land strömte, wurden durch Sielbauwerke von den Gezeiteneinflüssen abgeschnitten. 90 Prozent der Überflutungsfläche gingen durch diese Maßnahmen verloren, parallel wurde die Nutzung des Marschengrünlands intensiviert, ökologisch wertvolle Lebensräume werden dadurch kontinuierlich minimiert.
Aufgrund der Elbvertiefungen verschlicken die Elbnebenarme und Zuflüsse zunehmend. Denn bei einer tieferen Fahrrinne verändern sich die Strömungsverhältnisse. Mehr salziges Meerwasser dringt herein und bringt Sedimente aus dem Meer mit – die die Ebbe-Strömung nicht mehr vollständig wieder hinausschaffen kann. Da in den flacheren Nebenarmen die Strömung geringer ist als im Hauptstrom, verschlicken diese Gewässer immer mehr und die Flachwasserzonen verlanden. Zudem versalzen die Süßwasserbereiche. Am Elbufer von Krautsand wird durch die stark erhöhte Strömung der Pflanzenbewuchs massiv beeinträchtigt. Die noch vorhandenen Schilfröhricht-Bestände und Tide-Auwaldreste werden zerstört.
Noch kommen auf Krautsand laut WWF rund 75 Tier- und Pflanzenarten vor. Arten, die in Niedersachsen auf der Roten Liste stehen, viele davon – etwa Rohrweihe oder Wachtelkönig – sind sogar europaweit geschützt. Der Schierlings-Wasserfenchel kommt weltweit sogar nur im Elbeästuar vor und ist vom Aussterben bedroht. „Viele bedrohte Arten sind noch da, aber ihre Bestände sind stark zurückgegangen und einige kommen auch nicht mehr vor“, berichtet Beatrice Claus.
Das Wasser wieder fließen lassen
Zu den zentralen Maßnahmen auf Krautsand gehört die Revitalisierung der Nebenelben. So sollen die ehemaligen Tiefen und Breiten der Wischhafener Süderelbe und des Ruthenstroms wiederhergestellt werden, die durch die starke Sedimentation in den vergangenen Jahrzehnten verloren gegangen sind, erklärt Beatrice Claus. Von den heutigen zwei Metern Breite im oberen Bereich sollen sie auf mehr als 20 Meter verbreitert werden, sodass auch bei Ebbe immer Wasser darin verbleibt und die Nebenelben wieder strömen können.
Außerdem wollen die Naturschützer die ehemaligen Priele wieder an Ebbe und Flut anschließen, Uferbefestigungen zurückbauen und zwei große Tidegewässer anlegen sowie ein naturnahes Wassermanagement im Grabensystem etablieren. Dies bedeute zum Beispiel, dass mindestens ein Wasserstand von einem Meter Tiefe auch im Winter gehalten werde, damit sich diese Gewässer zu dauerhaften Gewässerlebensräumen entwickeln können, sagt Beatrice Claus. „Wo es möglich ist, sollen am Hauptstrom neue Naturgebiete und Räume geschaffen werden, die sich bei Flut mit Wasser füllen und bei Ebbe wieder entleeren. Sie können am Hauptstrom wie an einer Perlenschnur aufgereiht liegen und ihn wieder ökologisch aufwerten“, meint Beatrice Claus. Eine Extensivierung der Grünlandbewirtschaftung trüge außerdem dazu bei, die Brut- und Rastgebiete der Wiesenvögel zu verbessern.
Ein Naturschutzprojekt dieser Größe und Art könne nur in der Zusammenarbeit aller Akteure und Beteiligten – Landwirtschaft, Küstenschutz und Bewohner und Naturschutz – funktionieren und zu einem Erfolg führen, erklärt Beatrice Claus. Und sie ist zuversichtlich: „Die Zusammenarbeit mit den lokalen Akteuren klappt gut.” In 2026 sollen die Unterlagen für das Genehmigungsverfahren erstellt werden, damit 2027/28 mit der Umsetzung begonnen werden könne, so der Plan des WWF.
Lebensraum an der Weser
An der Weser sind die Naturschützer in Sachen Umsetzung schon einen Schritt weiter. Das Naturschutzgebiet „Luneplate“ liegt südlich von Bremerhaven und ist gut 1.400 Hektar groß. Die frühere Insel in der Weser verlor in den 1920er Jahren mit dem Bau des Landesschutzdeiches ihre ökologische Funktion und in den Folgejahren durch die intensive landwirtschaftliche Nutzung ihre Artenvielfalt. Doch seit den ersten Ausgleichsmaßnahmen für den Containerhafen III in Bremerhaven 1995 und vor allem seit der Wiedervernässung ab den 90er Jahren, kehrt die Natur mehr und mehr in die Luneplate zurück.
Die Unterweser ist an dieser Stelle längst wieder eine tidebeeinflusste, von Salzwasser geprägte und trichterförmig tief ins Land reichende Flussmündung – ein Ästuar. „Hier im Schutzgebiet Luneplate gibt es Brackwasserwatt und Brackwasser-Röhricht, Feuchtbrache und Marschengrünland mit winterlichen Überschwemmungen, Stillgewässer und Priele, es gibt dort auwaldähnliche Schilfröhrichte und Wälder – alles typische Lebensräume für ein Ästuar“, sagt Thomas Wieland. Der Landschaftsarchitekt ist bei Bremenports, der bremischen Hafenverwaltung, zuständig für die Planung, Entwicklung und Beaufsichtigung von Flächen dieser Art und er war bei der Luneplate von Anfang an dabei.
Mit der natürlichen Küstendynamik gearbeitet
2013 haben die Umweltplaner von Bremenports an der Luneplate einen 220 Hektar großen sogenannter Tidepolder geschaffen: Durch Einlassbauwerke im Hauptdeich kann hier vom Menschen gesteuert die Flut nun wieder einlaufen und bei Ebbe wieder ab. Bevor die Fluten der Nordsee wieder aktiv werden konnten, wurden 600.000 Kubikmeter Erdreich ausgekoffert, um Priele anzulegen, damit die Tide im Gebiet verteilt wird. Der gesamte Oberboden aber wurde nicht abgefahren, sondern zu einem Wall aufgetürmt – und dann ließ man der natürlichen Dynamik ihren Lauf.
„Es ist erstaunlich, wie sich das entwickelt hat“, findet Thomas Wieland. Die Sedimente im Brackwasser der Weser sorgen für einen Geländeaufwuchs. Nachdem zunächst alles Watt war, sind inzwischen 70 Prozent wieder bewachsen, zumeist von Röhrichten, Strandaster und Krähenfüßiger Laugenblume. Der Rest sind Watt und das Prielsystem – typisch für ein Ästuar. „Die bisherigen Entwicklungsprognosen sind eingetroffen, aber wir können nie sicher sein, wie sich der Polder entwickelt. Wir lassen uns überraschen“, meint Wieland. Außerdem sind durch die Nutzungsextensivierungen und Vernässungen Grünlandflächen entstanden, die inzwischen Lebensraum für viele seltene Gast- und Brutvögel seien.
„Die Luneplate hat sich im Rahmen ihrer seit 15 Jahren andauernden Revitalisierung vor allem vor dem Hintergrund des Vogelschutzes sehr gut entwickelt“, resümiert Thomas Wieland. In manchen Jahren wurden dort bis zu 20.000 Nonnengänse gezählt und ebenso viele Pfeifenten, die dort auf dem Vogelzug rasteten. Außerdem wurden rund 50 Brutvogelarten dokumentiert, etwa 100 Brutpaare des Kiebitzes und 40 Brutpaare des Rotschenkels – beides sind bedrohte Vogelarten.
Platz für Ebbe und Flut an der Ems
Auch im Tidepolder Coldemüntje an der Ems picken Rotschenkel auf neu geschaffenen Wattflächen herum. Es ist das melodische tjü-tjü-tjü eines Waldwasserläufers zu hören, Bekassinen fliegen auf. Teile des Walles um den Tidepolder sind begehbar, sodass man mit einem Fernglas Vögel beobachten kann. Auch die Ems wurde in den vergangenen 100 Jahren vertieft und begradigt, wobei viele Gebiete für Flora und Fauna verloren gingen. Der Tidepolder wurde nun so angelegt, dass er ein ökologisches Ausgleichsbecken mit Prielsystemen und Flachwasserzonen bietet und gleichzeitig dem Wassermanagement der Ems dient – auf 35 Hektar Renaturierungsgebiet.
Der Masterplan Ems 2050, ein Vertragswerk zwischen dem Land Niedersachsen, dem Bund, Kommunen an der Ems, der Meyer-Werft und den Naturschutzverbänden, gibt die Zielmarke von 500 Hektar vor. Damit wurde ein Vertragsverletzungsverfahren der EU gegen Deutschland wegen des schlechten ökologischen Zustandes der Ems verhindert. Der Polder Coldemüntje ist die erste der geplanten Flächen. In zweijähriger Bauzeit mit dem Einsatz vieler Bagger und der Bewegung von 300.000 Kubikmetern Erde und Sand, gab man den Lebewesen an der Ems wieder Raum. „Diese ehemalige Flussschleife“, sagt Felix Närmann, Geograf und Landschaftsökologe beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), „wurde jahrzehntelang als extensives Grünland genutzt und trocknete immer weiter aus.“ Um die Flächen wieder dem Einfluss von Ebbe und Flut auszusetzen, wurde am neuen Polder ein Ein- und Auslassbauwerk aus Stahlbeton gebaut, das unter dem Deich verläuft – was gleichzeitig den Sturmflutschutz sicherstellt.
„Die stärkere Flut bringt mehr Schlick in das Ästuar, als die Ebbe wieder hinaustransportieren kann“, beschreibt Närmann dasselbe Problem, das auch an der Elbe besteht. Bei Flut ist die Ems deshalb grau-gelblich vom Schlick. Man lasse das Wasser aus der Ems langsam in den Polder fließen, sagt Felix Närmann. „Die Ebbe lassen wir dann mit ordentlich Wumms aus dem Polder heraus, damit so viel Schlick wie möglich abtransportiert wird.“ Während die ökologisch wertvollen Vorländer dem Schlick ausgeliefert seien, versuche man, die neu geschaffenen Ersatzlebensräume davon möglichst zu verschonen. Wie gut das funktioniere, werde man sehen, so Närmann.
Watten, Priele und Röhrichte, die Voraussetzung für die Besiedlung durch die gewünschten Arten, hätten sich in Coldemüntje schnell entwickelt, so Felix Närmann. „Hier bei Coldemüntje haben wir im April 2025 zum ersten Mal die Flut einlaufen lassen. Eine erste Erfassung der Brutvögel wurde im Sommer 2025 durchgeführt“, erzählt Felix Närmann und berichtet, dass bereits nach so kurzer Zeit Rohrweihen, Schilfrohrsänger und Rohrammern gesichtet wurden. Diese Arten wieder anzusiedeln, war ausgesprochenes Ziel des Projekts. Außerdem hatten sich damals schon 17 Paare Säbelschnäbler bei Coldemüntje niedergelassen. „Das hat mich doch überrascht“, sagt Nährmann. „Ich bin gespannt, wie die Flächen sich weiter entwickeln.“






