Wälder können durch ihre Photosynthese große Mengen Kohlendioxid aus der Luft aufnehmen und langfristig binden. Sie sind dadurch CO2-Senken im Klimasystem - und ein beliebtes Mittel, um die Klimabilanz aufzubessern: Viele Länder setzen zum Erreichen ihres Netto-Null-Emissionsziels auf Aufforstung. Weil in den Industrieländern jedoch oft die nötigen Flächen fehlen, wird diese „grüne CO2-Bindung“ ausgelagert – vorzugsweise in Länder des globalen Südens. Dort liegt Studien zufolge das größte biophysikalische Potenzial für eine Ausweitung der Waldflächen.
Welche Faktoren beeinflussen den Aufforstungserfolg?
Der Haken jedoch: „Die Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit solcher Aufforstungsprojekte hängen von mehr als nur der biophysikalischen Eignung ab“, erklären Wenkai Bao von der Ludwig-Maximilians-Universität München und seine Kollegen. Ein wichtiger Einflussfaktor sind auch die sozioökonomischen Rahmenbedingungen in der jeweiligen Region. Gerade in den Ländern des Südens können Armut, konkurrierende Landnutzung, fehlende Institutionen oder auch ungeklärte Landnutzungsrechte eine Aufforstung bremsen oder sogar verhindern.

Das Potenzial für die CO2-Bindung durch Aufforstung und Wiederaufforstung hängt nicht nur von biophysikalischen Faktoren wie dem Klima oder Boden ab. Auch soziale und ökonomische Faktoren können Aufforstungsprojekte fördern oder behindern. — © Bao et al./ One Earth, CC-by 4.0
Wie stark solche sozioökonomischen Faktoren künftige Aufforstungsprojekte behindern könnten, haben nun Bao und sein Team genauer untersucht. Dafür werteten sie zunächst mehr als 200 Studien zu existierenden Aufforstungsprojekten aus, um relevante sozioökonomische Faktoren zu identifizieren. Anschließend nutzten sie künstliche Intelligenz, um für Länder und Regionen weltweit auszuwerten, ob und wie diese Faktoren bestehende und künftige Aufforstungsprojekte behindern.
73 Prozent des Potenzials könnte wegfallen
Das Ergebnis ist ernüchternd: 73 Prozent des geschätzten globalen CO2-Bindungspotenzials durch Aufforstung sind durch erhebliche soziale, wirtschaftliche und institutionelle Hürden beschränkt. Eines der größten Probleme sind den Analysen zufolge Armut und eine unsichere Nahrungsversorgung: Die lokale Bevölkerung benötigt Felder und andere Anbauflächen dringender als Wälder, verfügbare Gelder werden für Schulen, Dünger und Nahrungsmittel benötigt.
„Aufforstungs- und Wiederaufforstungsmaßnahmen können dadurch in eine Armut-Umwelt-Falle geraten: Armut behindert die Umsetzung und die Instandhaltung solcher Maßnahmen, während diese wiederum die Armut verschärfen können“, erklären Bao und seine Kollegen. Ihre Analysen zufolge sind rund 45 Prozent der global geeigneten Aufforstungsflächen von diesem Problem betroffen.
Ein weiteres Hindernis sind unsichere Landrechte und schwache Verwaltungsstrukturen. Geeignete Flächen werden dadurch nicht freigegeben, Finanzhilfen versickern im Behördenapparat oder bei lokalen Anführern. Dies macht 20 Prozent der zu erwartenden Einschränkungen aus, wie das Team berichtet. Mangelnde forstwirtschaftliche Infrastruktur in Form von Wegen, Werkzeugen und geschulten Mitarbeitern sind ebenfalls vielerorts ein Hemmschuh für Aufforstungsprojekte.

Sozioökonische Faktoren schränken vor allem im globalen Süden das theoretisch hohe Potenzial für die CO2-Bindung (CDR) durch Aufforstung ein. Solche Gebiete sind hier in Rosatönen gekennzeichnet. — © Bao et al./ One Earth, CC-by 4.0
Indien als negatives Fallbeispiel
Zusammengenommen sorgen diese Hindernisse dafür, dass bestehende und geplante Aufforstungsprojekte zu scheitern drohen. So haben beispielsweise großangelegte Programme zur Aufforstung in Indien in den letzten Jahrzehnten kaum etwas bewirkt: Sie konnten weder die Waldfläche erhöhen noch das Leben der örtlichen Bevölkerung verbessern. Ähnliches könnte für geplante Aufforstungsprojekte im Kongo, in Äthiopien oder Kolumbien gelten, so das Team.
„Die Länder im globalen Süden haben zwar großes Potenzial für die CO2-Bindung durch Aufforstung und Wiederaufforstung“, erklären die Forschenden. „Aber gleichzeitig gibt es dort erhebliche Hürden. Solange diese Probleme und Hindernisse nicht überwunden sind, ist das realistische CDR-Potenzial daher deutlich geringer als theoretisch angenommen.“
Die Rahmenbedingungen müssen stimmen
Nach Ansicht von Bao und seinen Kollegen müssen solche sozioökonomischen Hemmnisse deshalb unbedingt berücksichtigt werden, wenn es um Aufforstungspläne, aber auch die Anrechnung solcher Pläne für die nationalen Klimabilanzen geht. „Glaubwürdige Klimastrategien müssen Aufforstung und Wiederaufforstung mit Maßnahmen verbinden, die Lebensgrundlagen, Rechte und Institutionen stärken“, sagt Bao.
Denn um den Klimawandel zu bremsen, sind Methoden der „grünen CO2-Bindung“ nahezu unverzichtbar. Gelingen können sie aber nur dann, wenn auch die Rahmenbedingungen stimmen. „Es ist daher von grundlegender Bedeutung, die Hindernisse bei der Anpflanzung und Erhaltung dieser Wälder zu verstehen – und letztendlich zu überwinden“, sagt Seniorautorin Julia Pongratz von der LMU München. „Allerdings muss klar gesagt werden, dass die Anpflanzung von Wäldern umfassendere Klimaschutzmaßnahmen und Nachhaltigkeitsstrategien nur ergänzen, keinesfalls ersetzen kann.“
Quelle: Wenkai Bao (Ludwig-Maximilians-Universität München) et al., One Earth, 2026; doi: 10.1016/j.oneear.2026.101872





