Text: Katja Maria Engel
Es sind nur winzige Fetzen übrig geblieben. Ein paar Flusen eher. Doch die haben es in sich. Lange 32.000 Jahre haben feine Flachsfasern die Zeit überdauert. Laut Forschenden der Harvard University sind es Reste der Kleidung von Steinzeitmenschen. Die Dzudzuana-Höhlenbewohner am Fuße des Kaukasus im heutigen Georgien kleideten sich demnach nicht nur in Felle und Tierhäute. Als sie auf der Jagd nach Mammuts waren, beherrschten sie bereits die Kunst, aus Flachs mehrlagige Garne herzustellen – für kleiderartige Textilien, aber auch zur Befestigung von Griffen an Steinwerkzeug.
Bislang war der Kenntnisstand der Wissenschaft, dass die früheste Leinenkleidung erst vor rund 10.000 Jahren hergestellt wurde. 5.000 Jahre später, im Ägypten der ersten Pharaonen, bestanden Priestergewänder aus dem Material. Flachs wurde damals aber auch schon für Windeln, Totenkleider, Bett- und Tischwäsche genutzt. Später fanden Flachsfasern beim Abdichten von Schiffen und Bottichen Anwendung – und die Leinsaat der Pflanze diente als fetthaltiges Futtermittel.
Flachs und Lein
Die Begriffe Flachs und Lein bezeichnen dieselbe Pflanze (Linum usitatissimum), eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt. Usitatissimum bedeutet „meist verwendet / gebräuchlich“ und bezieht sich auf die Vielseitigkeit der Pflanze. Der Pflanzenname „Lein“ findet sich in Leinsamen oder Leinöl wieder sowie im Leinengewebe. „Flachs“ hingegen leitet sich von „flechten“ ab und bezieht sich auf die Faser.
Textilien aus Flachsfasern haben besondere Vorteile. So gleichen Leinenstoffe Temperaturschwankungen aus, absorbieren Feuchtigkeit und Transpiration. Leinengewebe kann bis zu 35 Prozent Feuchtigkeit bezogen auf sein Eigengewicht aufnehmen und ist selbst an heißen Sommertagen angenehm kühl auf der Haut.
Dadurch eignet sich Leinen ebenso für Betttücher wie für leichte Kleidung. Die Pflanze braucht zudem für ihr Wachstum wenig Dünger und Pestizide und ist am Ende biologisch abbaubar. Als Nachteile gelten eine gewisse Steifheit und Knitteranfälligkeit des Leinengewebes. Auch die Produktionskosten sind heute aufgrund der Transportkosten zu den Verarbeitern vergleichsweise hoch. Das ist ein Grund dafür, dass Flachs nur noch wenig in Textilien anzutreffen ist. Sato Feller vom deutschen Textilhersteller Hess Natur berichtet, dass der Anteil an Flachsfasern in ihrer Frühjahr-/Sommerkollektion in den letzten Jahren um die neun Prozent betrug – was im Branchenvergleich eher hoch sei.
Die Allianz europäischer Flachs-, Leinen- und Hanfverbände geht für 2024 von 0,5 Prozent weltweitem Anteil von Flachsfasern in Textilien aus. Etwa 88 Prozent aller Textilfasern sind dagegen heute Kunstfasern auf der Basis von fossilen Rohstoffen. Da diese jedoch vom Erdölpreis abhängen, könnten nach den aktuellen Erfahrungen Naturfasern neuen Aufwind erfahren. Baumwolle macht derzeit knapp 20 Prozent der rund 132 Millionen Tonnen der weltweiten Faserproduktion aus, ist aber im Klimawandel durch Wasserknappheit bedroht: Denn der Anbau von Baumwolle braucht bis zu siebenmal mehr Wasser als Flachs. Die Chancen für regional angebauten und verarbeiteten Flachs könnten dadurch steigen.
Leicht und luftig: Kambrik
Eine Hoffnung der Flachsindustrie liegt aktuell auf einem edlen Textil namens Kambrik, auch Cambric oder Chambray genannt. Es gehört zur Gruppe der Batiststoffe – sehr feinfädige, leichte und traditionell aus Flachs oder Baumwolle gewebte Stoffe –, aus welchen oft kirchliche Gewänder hergestellt wurden. Batist ist fest und strapazierfähig, aber dünner als der robuste Jeansstoff aus Baumwolle, der bei der Arbeit unter heißer Sonne schnell unbequem wird. Aus diesem Grund wurde Cambric schon für Matrosenanzüge der US-Kriegsmarine als leichtere Alternative zu Denim produziert.
Anwendungen jenseits von Kleidung
Die langen Fasern des Flachses eignen sich jedoch unter anderem wegen ihrer hohen Reißfestigkeit nicht nur für Kleidung. Eine der wichtigsten Anwendungen sind flachsverstärkte Textilien in der Auto- und in der Dämmindustrie: Flachsfasern werden zu Formgussteilen gepresst, sind Teil von Bremsbelägen, sie werden als giftfreier Baustoffzusatz verwendet oder auch als alternative Einstreu im Pferdestall. Sie werden in der Papierherstellung verwendet oder als Teil von Verbundstoffen im Segelbootbau; Flachs stabilisiert Skier oder Rotorblätter von Windrädern, da die Faser nicht nur leicht ist, sondern Erschütterungen besonders gut abfangen kann. Das ist auch ein Grund dafür, dass McLaren den Autositz für die Formel-1-Rennen mit Flachs baut.
Deutscher Flachsanbau
Westlich von Marburg, im Gladenbacher Bergland, liegt der Biolandhof Caspersch. Hier kennt und schätzt man den Flachs schon lange. Der Leinenbauer Johannes Plitt hat mit seinem Vater mehr als 15 Jahre lang Faserflachs angebaut. „Das hat richtig Spaß gemacht“, sagt der Ökobauer. „Wenn wir zur Flachsblüte auf dem Nachbarfeld Erdbeerpflücker hatten, dachten die, sie sind am Meer. So schön hellblau blühten die Felder manchmal.“ Auf zwei bis fünf Hektar wuchs der Flachs für die Herstellung von Textilien. Vor rund fünf Jahren aber hat Plitt den Anbau eingestellt und produziert seither nur noch Öllein zur Gewinnung von Leinsamen. Johannes Plitt ist nicht der einzige Landwirt in Deutschland, der den Anbau von Faserflachs aufgegeben hat, nur in Sachsen werden noch Fasern speziell für Dämmmaterialien angebaut.
Dabei hat Deutschland eine lange Flachstradition, wie die immer noch über 50 Flachsmuseen beweisen. Flachsanbau für Leinenfasern und Öl wurde früher vor allem in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Sachsen-Anhalt und Brandenburg betrieben. Im 19. Jahrhundert galt Deutschland als der größte Flachsanbauer der Welt. In der Krisenzeit zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg hatte Flachs in Deutschland eine besondere Bedeutung. Baumwolle war plötzlich kaum mehr verfügbar und die Leinenproduktion erlebte – staatlich angeordnet – einen massiven Aufschwung. Bauern wurden angewiesen, Flachs auf ihren Feldern anzubauen, um nicht von Importen abhängig zu sein.
Die Anbaufläche für Faserflachs stieg bis auf 120.000 Hektar. In den 50er und 60er Jahren überfluteten dann jedoch neue Kunststoffe, produziert aus billigem Erdöl, die Textilindustrie und der Flachsanbau brach ein. Und während im Jahr 2000 in Deutschland noch 26 Betriebe auf 402 Hektar Faserflachs produzierten, stoppte der Faseranbau hierzulande im Jahr 2012 vollständig.
Auch der Flachsanbau zur Ölgewinnung ist heute hierzulande nicht mehr als eine Nische, deren Bedeutung jedoch durch das Interesse an regionalen Produkten und gesunden pflanzlichen Fettsäuren etwas zunimmt.
Dabei ist das Klima in den nördlichen europäischen Ländern für den Flachsanbau geradezu ideal. Allerdings muss man auch einräumen, dass die recht anspruchslose Pflanze weltweit in gemäßigten bis subtropischen Klimazonen gut gedeiht. Auf der ganzen Welt wird Flachs wegen seiner Fasern, des Öls und seiner medizinisch bedeutsamen Inhaltsstoffe angebaut und genutzt. Der meiste Flachs (Öllein) für Leinöl wird weltweit in Kanada, Russland, Kasachstan und China angebaut. Ein anderes Bild ergibt sich für Faserflachs.
Frankreich als Zentrum für Faserflachs
Die Hauptanbaugebiete von Faserflachs liegen in Europa, und die Anbauflächen haben hier in den letzten zehn Jahren um 128 Prozent zugenommen. Im Jahr 2025 erzeugten die europäischen Flachsbauern in Belgien, den Niederlanden und Frankreich 77 Prozent des weltweiten Faserflachses, 23 Prozent kamen aus China und Russland. Die weltweit größten Flächen für Flachsanbau liegen im Norden Frankreichs, in der Normandie.
Und noch mehr: In Frankreich haben seit 2020 vier Spinnereien neu eröffnet, die Flachsfasern zu Garn verarbeiten – ein entscheidender regionaler Vorteil.
Faserflachsanbau lohnt sich in Deutschland nicht
Die fehlende Verarbeitungsindustrie vor Ort war in den letzten Jahren einer der Hauptgründe der Bauern in Deutschland, den Faserflachsanbau aufzugeben. Denn oft lohnt sich hierzulande der Flachsanbau nicht, auch wenn es „Spaß“ macht, sagt Bauer Johannes Plitt.
Das weiß auch Eckart Grundmann vom Forschungsring für Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise. Er leitete 2005 den fünfjährigen Versuch, heimischen Flachs im Ökolandbau in Hessen als Rohstoff für Stoffe zu etablieren. Doch es blieb bei vier zudem wechselnden Anbauenden und einer Gesamtfläche von nur 40 Hektar. Damit sich der Anbau wirtschaftlich lohnt, wäre mindestens eine fünfmal so große Fläche nötig, berichtet Grundmann. Inzwischen sei der Flachsanbau den Bauern und Bäuerinnen auch zu fremd geworden, und die Fasern zur Verarbeitung in die Niederlande, nach Frankreich oder Ungarn zu transportieren, sei schlichtweg zu teuer.
Ein zartblaues Meer an Blüten
Ob für Fasern oder Leinöl, ob im Norden Frankreichs oder im Bergland bei Marburg: Ausgesät wird Flachs in Europa im April, wenn die Tage wärmer werden und sich der Boden erwärmt hat. Die Saat für Faserflachs wird eng in ein bis zwei Zentimeter tiefe Furchen ausgelegt, hier kann er dann mit wenig Verzweigungen in die Höhe wachsen.
Anschließend braucht der Flachs 100 Tage, um zu wachsen. Nach 70 Tagen, Mitte Juni, sind die zartblauen Blüten zu sehen. Die Normandie ist berühmt für die riesigen blühenden Felder, auf denen sich im Juni die Flachspflanzen mit ihren Blüten wie ein blassblaues Meer im Wind wiegen. Aber nur kurz. Denn die blauen Blumen blühen nur jeweils einen Tag lang. Verteilt auf die verschiedenen Felder bleiben so an die zehn Tage, an denen das zartblaue Farbenspiel zu sehen ist.
Vom Raufen zur Tauröste
30 Tage später, im Juli, wenn der Faserflachs bis zu einem Meter hoch gewachsen ist, werden die Pflanzen mit Strunk und Stiel aus dem Boden gerissen – gerauft, wie es heißt. Anschließend werden sie in langen Reihen, sogenannten Schwaden, gelichmäßig auf dem Ackerboden ausgelegt. Denn im Gegensatz zu anderen Feldfrüchten wie Weizen, Raps oder Mais ist für die Qualität der Fasern nicht nur die Zeit während des Wachstums wichtig – auf dem Boden startet ein natürlicher Verrottungsprozess, der die spätere Qualität ausmacht: die Tauröste. Sonne, Regen und Mikroorganismen wie Bakterien und Pilze lösen die Fasern vom Stroh. Dieser Zersetzungsprozess dauert vier bis sechs Wochen. Früher hat man den Flachs dafür auch in wassergefüllte Gruben, sogenannte Flachsrotten, gelegt.
Ist die Röste abgeschlossen, lässt man den Flachs trocknen, rollt ihn dann zu Ballen und bringt ihn an den Verarbeitungsort. Dort werden die Fasern gebrochen, geschwungen und gehechelt: Dazu werden die Fasern durch ein Nagelbrett gezogen, um die Langfasern von den holzigen Bestandteilen zu trennen. Gesponnen werden die Fasern zum Leinengarn. Insgesamt dauert es von der Aussaat bis zum Textil eineinhalb Jahre.
Abfall fällt bei der Flachsverbreitung kaum an, alles wird verwertet. Der Samen wird großenteils als Futtermittel eingesetzt, die langen Fasern werden zu feinen Stoffen versponnen, die kurzen werden in der Papierindustrie verwendet. Die holzigen Teile, auch Flachslehme genannt, dienen als Abdeckung in der Gärtnerei oder als saugfähige Einstreu im Pferdestall: Flachslehme absorbieren bis zu zwölfmal mehr Flüssigkeit als Stroh und etwa fünfmal mehr als Holzspäne. Aber selbst der Staub wird abgesaugt, wie Johannes Plitt nach dem Besuch bei einem Verarbeiter berichtet, und kann ebenfalls als – wenn auch weniger hochwertige – Stallstreu verwendet oder in Bau- und Dämmstoffen verarbeitet werden.
Stark in Krisen?
Doch nicht nur fehlende Infrastruktur – auch der Klimawandel stellt in Deutschland eine große Herausforderung für den Flachsanbau dar. Das Wetter ist beim Flachsanbau tatsächlich die größte Sorge, erklärt Johannes Plitt. Gibt es im April Spätfrost oder später Starkregen, kann die Ernte schlecht ausfallen. „Sonst“, so Plitt, „benötigt der Flachs im Anbau generell wenig Aufmerksamkeit.“
Zwar wird der überwiegende Anteil konventionell angebaut. Doch Flachs ist grundsätzlich eine genügsame Pflanze, die bis zu sechsmal weniger Dünger und Pflanzenschutzmittel brauche und siebenmal weniger Wasser als Baumwolle, erzählt eine französische Bäuerin. Das mache Flachs zu einem guten Kandidaten für den ökologischen Anbau. Dennoch – Wasser braucht der Flachs gerade in der Wachstumsphase. Das sei in den französischen Küstenregionen durch das maritime Klima eben einfacher, so Eckart Grundmann vom Forschungsring. In Hessen allerdings regnete es in den Jahren, in denen er sein Projekt durchführte, gerade im Mai und Juni zu wenig. „Da wuchs der Flachs einfach nicht und blieb lange nur zehn Zentimeter hoch.“ Frustrierend für die Bauern, die Flachs infolge nicht weiter anbauten, und kein Ergebnis, mit dem Grundmann gut für Flachsanbau werben konnte.
Kein einfacher Flachs
Auch wenn der Flachs das europäische Wetter mit seinem Regen im Frühjahr so mag – das Entscheidende passiert nach der Ernte. Kaum eine andere Pflanze ist so abhängig vom Wetter im August – denn das bestimmt beim Flachs die Tauröste. Dabei ist eine beständige Feuchtigkeit optimal, damit Pilze und Mikroorganismen die Stängel aufschließen. Dauerregen oder extrem trockenes Wetter sind ungünstig.
Erst wenn die Ballen im Lager sind, kann die Qualität bestimmt werden. Zwar kann das Stroh auch mit anderen Mitteln von der Faser getrennt werden, statt sie auf dem Boden verrotten zu lassen. Ein alternativer Faseraufschluss zum Beispiel in Behältern erhöht aber die Kosten. Und gerade das ist ein entscheidender Faktor für europäische Hersteller in der Konkurrenzsituation mit Leinen-Billigimporten aus dem Ausland, schreibt Egon Heger. Der Chemiker und Agrarwissenschaftler leitet die Holstein Flachs GmbH in Mielsdorf nahe Bad Segeberg, die sich seit 1990 dem Flachsanbau und der Flachsverarbeitung verschrieben hat. Interessierte können in seinem Flachsshop Samen kaufen, die Felice, Avian, Christine, Olga oder Tango heißen, sich in ihrer Resistenz gegen Pilzbefall und ihrem Holzanteil unterscheiden und jeweils mit unterschiedlichen Wetterbedingungen zurechtkommen.
Derzeit boomt der Flachsanbau in Deutschland langsam wieder, aber im ganz Kleinen. Von Wilhelmshaven an der Nordsee bis München starteten letztes Jahr Mitmach- und Community-Projekte, in denen Menschen Flachs säen, gemeinsam ernten, verspinnen, weben oder Flachsfeste ausrichten – einfach, um sich bewusst zu machen, wie aus der Pflanze ein Textil wird. Eines dieser Projekte ist das Citizen Science-Projekt „1qmLein“, bei dem 2025 auf 1.000 Quadratmetern Menschen in ganz Deutschland Flachs angebaut haben – vom Blumentopf auf dem Balkon über Gärten bis zur Ackerfläche.
Auch wenn dies nur kleine Projekte sind, kommende Krisen können erneut zu Lieferengpässen oder Ernteausfällen wie von Baumwolle führen. Kunststoffe aus fossilen Rohstoffen werden verknappen und durch steigende Erdölpreise teurer. Vielleicht ist das dann die Chance für mehr als im Winzigen regional angebauten Flachs. //






