Was müsste sich ändern, um dem deutschen Mittelstand die Forschung schmackhaft zu machen?
Kleinen und mittleren Unternehmen sollte man es erleichtern, an Kooperationen von Forschung und Wirtschaft teilzunehmen – also niedrige Zugangshürden schaffen. Zweitens brauchen wir ein stärkeres Bewusstsein, dass der Erfolg in einer Marktnische nicht davon abhalten sollte, gemeinsam mithilfe von Forschung neue Perspektiven zu entwickeln. Es wäre auch gut, wenn sich an der Reputation von Wissenschaftlern etwas verändern ließe, die noch vorrangig auf Publikationen in wichtigen internationalen Journalen beruht. Klar, der Nachweis von Gravitationswellen ist ein Durchbruch. Doch ist es von der Gesellschaft her betrachtet nicht ebenso ein Durchbruch, wenn Forscher und Praktiker gemeinsam den Reifenabrieb signifikant verringern? Denn dies kann die Feinstaubbelastung spürbar senken.
Wie könnte man Praxisbezug honorieren?
Dadurch, dass der Wissenstransfer, den Wissenschaftler leisten, ins Rampenlicht gestellt wird. Oder dass bei nachgewiesenen Technologietransferleistungen eine weitere Stelle am Institut finanziert wird. Bei uns in der Helmholtz-Gemeinschaft ist man da schon unterwegs. Jede Arbeitsgruppe überlegt inzwischen, was aus ihrer Forschung zur Anwendung kommen könnte. Generell gilt: Wir Wissenschaftler sollten von uns aus auf den Mittelstand zugehen.
Braucht Deutschland ein Technologie- und Innovationsministerium?
acatech wird ja sowohl vom Bund als auch von den Ländern gefördert und arbeitet je nach Thema mit unterschiedlichen Ministerien zusammen. In einigen Bundesländern ist die Innovation bereits gut integriert: In Nordrhein-Westfalen sind Wissenschaft, Bildung und Innovation in einer Hand. In Berlin ist die Helmholtz-Gemeinschaft beim Wirtschaftssenator angesiedelt, während die Universitäten beim Wissenschaftssenator sind. Ähnlich ist es in Bayern. Wir haben also keine einheitliche Zuständigkeit. Trotzdem erkenne ich eine erfreuliche Dynamik. In den Ministerien erleben wir ein zunehmendes Interesse an der Thematik Innovation.
Seit einigen Jahren ist Industrie 4.0 das beherrschende Thema bei der zukünftigen Ausrichtung der deutschen Wirtschaft. Was trägt acatech dazu bei?
Unsere Akademie hat den Begriff geprägt und ihn anlässlich der Hannover Messe 2011 zusammen mit anderen in die große Öffentlichkeit gebracht. Maßgeblichen Anteil daran hat mein Co-Präsident Henning Kagermann. Mit dem Begriff wollen wir auf die grundsätzliche Veränderung in der Industrieproduktion hinweisen. Die “4” steht dabei für die vierte industrielle Revolution: Nach der Dampfmaschine, der Elektrifizierung und Fließbandarbeit, der Mikroelektronik und Robotik folgt nun die Vernetzung und Individualisierung von Produktion und Dienstleistung.






