Um 1300 beschreibt ein Colmarer Dominikaner die Veränderungen, die das Elsaß in den vergangenen 100 Jahren durchgemacht hat. Die Welt ist seit etwa 1200 eine andere geworden. Zum Stauenen veranlassen den naturwissenschaftlich geschulten Mönch die tiefgreifenden Veränderungen in Agrarlandschaft, Transportwesen, Handwerk, Handel und Gewerbe. Den Baubeginn des Straßburger Münsters sieht er als Teil dieser Veränderungen, er isoliert diesen Bau nicht als frommes Werk.
Kathedralen als eine der wenigen bis heute sichtbaren monumentalen Erinnerungen an die weltverändernden Energien des Hochmittelalters sind im Wortsinne “spektakulär”. Nicht spektakulär, nicht mehr sichtbar, sind andere Zeugnisse jener vor allem durch das Bevölkerungswachstum freigesetzten Energien. Von der zu Füßen der Kathedralen liegenden Stadt des hohen Mittelalters ist kaum noch etwas erhalten. Allenfalls einige wenige Wohntürme und Steinhäuser im Innenstadtbereich, nahe der Hauptkirche gelegen, erinnern in manchen Bischofsstädten noch an die Welt um 1200. Aber diese seltenen Zeugen sind keineswegs repräsentativ für die damalige städtische Welt, waren sie doch bis ins 14. Jahrhundert hinein so selten, daß sie Nachnamen für ihre Bewohner bildeten: Im Steinhaus, Steinhaus. Die normalen Behausungen zu jener Zeit, nicht unterkellerte Fachwerkhäuser, Katen usw. sind verloren; der Alltag des urbanen Lebens ist nur mühsam zu erkennen.
Die Entstehungszeit der Kathedralen fällt mit der Epoche der Binnenkolonisation zusammen: Wenn in großem Stil neue Siedlungsareale erschlossen werden, wenn ein daran beteiligter Mann den Namen Konrad Spannseil trägt, so sind daran Vermessung und Planung zu erkennen, Voraussetzungen auch für den Bau großer Kirchen. Seile mußten gespannt werden, um die Hofgrößen, aber auch um den Grundriß des Kirchenbaus zu vermessen. Binnenkolonisation und Landesausbau veränderten die städtische Welt Europas zutiefst. Mit dem 12. Jahrhundert setzte eine Städtegründungswelle ein, die um 1250 allmählich auslief. Im jährlichen Durchschnitt entstanden etwa 400 Städte; die meisten davon zwar Klein- und Zwergstädte, aber auch sie waren Ausdruck jener Urbanität, in die auch die Geschichte der Kathedralen einzuordnen ist. Das Abebben der Städtegründungswelle ging einher mit einer inneren Verdichtung der urbanen Siedlungen.
Noch um 1200 war die urbane Siedlung eine Sammlung von isoliert stehenden Gehöften. In manchen süddeutschen Städten wie Regensburg dominierten steinerne Wohntürme der führenden Geschlechter. Unübersehbar war die Nähe zum großbäuerlichen Wirtschaftshof oder gar zur adligen Burg. Erst mit der im 13. Jahrhundert einsetzenden geschlossenen, zumeist giebelständigen Bebauung, mit der Bildung von Straßen- und Gassenzügen grenzte sich das Stadtbild von der ländlichen Siedlung ab. Das im Umkreis des Sachsenspiegels entstandene Sprichwort “Bürger und Bauer trennt nichts als Hag und Mauer” hatte um 1300 keine Berechtigung mehr.





