Proteine aus Insekten statt Fleisch: Diese Idee von Insekten als Superfood der Zukunft gilt seit Jahren als mögliche Lösung für eine klimafreundlichere Ernährung. Denn anders als Rinder, Schweine, Geflügel oder andere Lieferanten tierischen Proteins brauchen Insekten wenig Platz, wachsen schnell und können mit Bioabfällen gefüttert werden. Ein neuer Bericht zeigt jetzt aber: So eindeutig ist die Sache nicht.
Gemischte Umweltbilanz
Für ihren Report haben Cleo Verkuijl vom Stockholm Environment Institute (SEI) und ihre Kollegen untersucht, wie umweltfreundlich industrielle Insektenfarmen in reichen Ländern mit gemäßigtem Klima wirklich sind, also etwa in Europa und Nordamerika. Ihr Ergebnis: Die Umweltbilanz schwankt stark. “Nach aktueller Datenlage ist der ökologische Nutzen deutlich weniger eindeutig, als oft angenommen wird“, sagt Co-Autor Camilo Garzón vom SEI. Entscheidend ist demnach vor allem, wie viel Energie die Anlagen brauchen, welches Futter eingesetzt wird und welches Produkt die Insekten am Ende tatsächlich ersetzen.
Konkret ergaben die Analysen: Zwar ist der Flächenverbrauch der Insektenzucht im Allgemeinen gering, liegt jedoch in manchen Fällen auf einem ähnlichen Niveau wie Sojaschrot oder übersteigt dieses sogar. Das ist dann der Fall, wenn Insekten nicht mit organischen Abfällen gefüttert werden, sondern mit frischen Pflanzen. Die Fütterung mit Abfällen ist in der Praxis jedoch oft schwierig und scheitert im großen Maßstab häufig an rechtlichen Vorgaben. Der Wasserverbrauch ist je nach Insektenart ebenfalls unterschiedlich, allerdings gibt dazu laut Bericht nur wenige belastbare Daten.
Bei den Treibhausgasemissionen schneiden Insekten in gemäßigten Regionen mit im Schnitt 13,5 Kilogramm CO2-Äquivalenten pro Kilogramm Protein zwar besser ab als Rindfleisch mit 75 bis 170 Kilogramm CO2-Äquivalenten pro Kilogramm Protein. “Die höchsten Emissions-Niveaus bei den Insekten liegen aber nahe an den oberen Werten für Geflügel“, berichten Verkuijl und ihre Kollegen.
Insekten landen oft nicht direkt auf dem Teller
Wichtig ist außerdem, womit das Insektenprotein verglichen wird: In der Praxis ersetzt Insektenmehl häufig nicht das von uns Menschen verzehrte Fleisch, sondern meist Sojamehl oder Fischmehl im Tierfutter. Diese Produkte haben jedoch oft eine niedrigere Klimabilanz als viele Insektenprodukte. Zudem benötigen viele gezüchtete Insekten warme Bedingungen. In kühleren Regionen müssen die Anlagen deshalb häufig beheizt werden. Wird dafür kein erneuerbarer Strom genutzt, kann sich die Klimabilanz deutlich verschlechtern, wie die Forschenden berichten.
Viele der gezüchteten Insekten landen auch gar nicht auf unseren Tellern. Wo Insektenbestandteile in Lebensmitteln vorkommen, etwa in Pasta oder Brot, ergänzen sie Fleisch oft eher, als es wirklich zu ersetzen, wie Verkuijl und ihre Kollegen erklären. Außerdem geht ein erheblicher Teil der Produktion in Futtermittel für landwirtschaftlich gehaltene Landtiere und Aquakulturen. „Statt eine alternative Proteinquelle darzustellen, spiegelt und verstärkt das Insektenfarming oft viele der Probleme in der konventionellen Tierhaltung“, schreiben die Forschenden. Sie verweisen zudem auf mögliche ökologische Risiken, etwa wenn gezüchtete Insekten unbeabsichtigt entkommen. Dazu stellen sich ethische Fragen, weil es zunehmend Hinweise darauf gibt, dass Insekten empfindungsfähig sein könnten.
Insektenzucht steht unter Druck
Diese Resultate bedeuten aber nicht, dass Insekten keine gute Alternative zu anderen tierischen Proteinlieferanten sind: Tropische Länder und Länder mit niedrigerem Einkommen könnten dem Bericht zufolge grundsätzlich günstigere Voraussetzungen für die Insektenzucht bieten. Denn dort wird weniger Energie für das Heizen der Anlagen benötigt und organische Reststoffe sind besser verfügbar. Belastbare Daten hierzu fehlen bislang jedoch, wie das Team erklärt. In unseren Breiten wird die Insektenzucht hingegen durch die durchwachsene Umweltleistung zunehmend infrage gestellt und gerät auch wirtschaftlich immer mehr unter Druck.
„Wenn die Insektenproduktion hauptsächlich andere Tiere füttert, ohne den Fleischkonsum zu senken, sollten sich politische Entscheidungsträger fragen, ob diese Investitionen unser Ernährungssystem verändern oder es lediglich stabilisieren“, sagt Verkuijl. Die Forschenden empfehlen, dass Politik und Investoren die alternativen Proteine fördern sollten, wenn Daten belegen, dass sie wirklich umweltfreundlicher sind und der Fleischkonsum verringert werden kann.
Quelle: Stockholm Environment Institute; Fachartikel: SEI report, doi: 10.51414/sei2026.010





