Wenn uns jemand bittet, von unserer letzten Geburtstagsfeier zu berichten, können uns ganz unterschiedliche Aspekte in den Sinn kommen. Erzählen wir darüber, wie der Kuchen geschmeckt hat, welche Musik wir gehört und wie wir uns an dem Tag gefühlt haben? Oder berichten wir eher, wann und wo die Feier stattgefunden hat, wer zu Gast war und was wir geschenkt bekommen haben? Wie ein Team um Greta Melega von der University of East Anglia in Norwich herausgefunden hat, kann das auch von unserem Alter abhängen.
Autobiografische Erinnerungen verschiedener Altersgruppen
„Wir wollten besser verstehen, wie junge und ältere Erwachsene autobiografische Erinnerungen abrufen – also die persönlichen Erfahrungen, die die Geschichte unseres Lebens ausmachen“, erklärt Melegas Kollege Louis Renoult. „Wir wollten sowohl spezifische Erinnerungen an konkrete Ereignisse untersuchen, als auch kategorische Erinnerungen, also die allgemeinen oder wiederholten Erfahrungen wie den täglichen Weg zur Arbeit.“
Für ihre Studie baten die Forschenden 37 junge Menschen zwischen 18 und 33 Jahren sowie 37 alte Menschen zwischen 60 und 85 Jahren, von autobiografischen Erinnerungen zu berichten. Dabei gaben sie den Freiwilligen jeweils ein Stichwort wie „Markt“ oder „Geburtstag“ und wiesen sie an, dazu entweder von einem einzelnen Erlebnis oder von sich wiederholenden Erfahrungen und Routinen zu erzählen.
Lebendig und emotional oder faktenbetont?
Anhand der individuellen Schilderungen analysierten Melega und ihr Team, wie viele episodische Details die jeweilige Erzählung enthielt und wie reich sie an sogenannten semantischen Informationen, also Sachinformationen war. Zudem erfassten sie, inwieweit sich die Testpersonen an die jeweilige Anweisung hielten, entweder von spezifischen oder von kategorischen Erinnerungen zu berichten.
Das Ergebnis: „Die Erzählungen der älteren Erwachsenen waren weniger detailliert als die der jüngeren“, berichtet das Team. Beispielsweise schilderten Ältere seltener Sinneseindrücke oder Emotionen, die mit einem bestimmten Moment verbunden waren. Dennoch stuften sie ihre Erinnerungen subjektiv als emotionaler und lebendiger ein als die jungen Erwachsenen. Doch auch wenn dies nicht der objektiven Auswertung entsprach, punkteten die Senioren in einem anderen Bereich: Sie reicherten ihre Erzählung mit deutlich mehr semantischen Informationen an, ließen also mehr Wissen über sich selbst, ihr Umfeld und die Welt im Allgemeinen einfließen.
„Wenn wir älter werden, liegt der Fokus eher auf der Gesamtgeschichte als auf bestimmten Momenten“, erklärt Renoult. „Diese Verschiebung spiegelt möglicherweise Veränderungen in den zugrunde liegenden Gehirnsystemen wider, die am Gedächtnis beteiligt sind, insbesondere jenen, die für das Abrufen detaillierter Kontextinformationen und die Bewältigung komplexer kognitiver Aufgaben zuständig sind.“
Wechsel zwischen den Erinnerungsformen
Zudem stellten die Forschenden fest, dass die Testpersonen Schwierigkeiten hatten, bei wechselnden Aufgaben die jeweils richtige Art von Erinnerung abzurufen. Sollten sie beispielsweise unmittelbar zuvor von einem konkreten Erlebnis bei einer Familienfeier berichten, fiel es ihnen schwerer, in der folgenden Aufgabe von kategorischen, wiederkehrenden Erinnerungen zu erzählen. Dieser Effekt trat sowohl bei jungen als auch bei alten Teilnehmenden auf, war jedoch bei den älteren stärker ausgeprägt.
Den Forschenden zufolge kann dieses Phänomen auch praktische Auswirkungen haben: „Aufgaben, bei denen Menschen ihr Denken schnell anpassen oder zwischen verschiedenen Arten des Erinnerns wechseln müssen – wie zum Beispiel beim Erzählen von Geschichten, bei der Entscheidungsfindung oder beim Lösen von Problemen –, können mit zunehmendem Alter schwieriger werden“, sagt Renoult. In anderen Bereichen dagegen könnten ältere Menschen mit ihrem verstärkten Fokus auf semantischem Wissen im Vorteil sein. „Verallgemeinerte Erinnerungen können Weisheit, Mustererkennung und effiziente Kommunikation fördern, selbst wenn die feineren Details verloren gehen“, so Renoult.
Quelle: Greta Melega (University of East Anglia, Norwich, UK) et al., Psychology and Aging, doi: 10.1037/pag0001009





