von THORSTEN DAMBECK
Es waren die letzten Minuten der Raumsonde Cassini, als sie wie geplant in die Gashülle Saturns eintauchte: An diesem 15. September 2017 kündigte sich das Ende 1900 Kilometer über der Wolkendecke des Planeten an. Anfangs war es nur ein leichtes Schaukeln, das die dünne Saturnluft bewirkte.
„Wir hatten einen engen Winkelbereich von 0,1 Grad vorgegeben, in dem sich das Raumschiff drehen durfte“, erinnert sich die Chefingenieurin Julie Webster vom Jet Propulsion Laboratory (JPL) im kalifornischen Pasadena. Sollte dieser Wert überschritten werden, musste eine der Borddüsen zünden, um Cassini zurück in die Gegenrichtung zu kippen. Immer häufiger feuerten die Triebwerke zum Ausgleich. Für 20 Sekunden erreichten sie sogar 100 Prozent ihrer Leistung. Die Rekonstruktion der Daten aus den letzten acht Sekunden zeigte, dass der todgeweihte Weltraumspäher so weit kippte, dass die Bordantenne nicht mehr erdwärts zeigte und das eng fokussierte Funksignal die Erde verfehlte. Erst verstummte Cassini, dann, tiefer in der Atmosphäre, verglühte die 2150 Kilogramm schwere und 6,8 Meter große Sonde wie ein Meteorit.
Auf den JPL-Monitoren wurde dies allerdings erst 83 Minuten später bemerkt. So lange brauchten die lichtschnellen Funkwellen für den weiten Weg vom Saturn zur Erde. Die letzten 22 Orbits vor ihrem feurigen Ende führten die Sonde so nah an den großen Gasplaneten und seinen Ringen vorbei wie noch nie während der 13 Jahre zuvor (bdw 9/2017, „Cassinis großes Finale“). Dabei flog sie durch den engen Korridor zwischen der Wolkendecke und der inneren Kante des Ringsystems. Diese riskante Bahn erlaubte es erstmals, die filigranen Strukturen gleichsam zu wiegen.
Dünn wie ein Blatt Papier
Saturns Ringe sind riesig. Ihre Ausdehnung entspricht dem 60-Fachen der Erdoberfläche. Trotz dieser enormen Größe sind sie bemerkenswert dünn – an einigen Stellen sogar weniger als zehn Meter, sodass man Sterne hindurchscheinen sieht. Hätte das Ringsystem die Ausmaße eines Fußballfelds, wäre es so dünn wie ein Blatt Papier.
Dieses bizarre Gebilde besteht aus sehr unterschiedlichen Objekten. Viele sind klein wie Sandkörner, doch es gibt dort auch mehrere Meter große Brocken. Alle Ringteile umrunden den Saturn. Im Minuten- bis Stundentakt wachsen sie dabei durch Kollisionen, zerbrechen aber auch rasch wieder.
Die Masse der Ringe war lange unbekannt. Cassini konnte sie auf den finalen Orbits erstmals genau bestimmen. Denn beim Flug durch den Korridor war die Sonde der kombinierten Schwerkraft von Saturn und dessen Ringen ausgesetzt.
Ein Netzwerk aus fünf weltweit verteilten Antennen hatte bei sechs Korridorbahnen die Funksignale der Raumsonde verfolgt. Die empfangenen Frequenzen wurden dabei so genau gemessen, dass sich Cassinis Radialgeschwindigkeit mit einem Fehler von nur 0,02 bis 0,09 Millimetern pro Sekunde bestimmen ließ. Die Daten erlaubten präzise Rückschlüsse auf die Ringmasse. 2019 publizierte ein internationales Team um Luciano Iess von der Universität Rom die Resultate der Messungen: Die Ringmasse beträgt rund 1,5 ⋅ 1019 Kilogramm . Das entspricht nur 41 Prozent der Masse von Mimas. Er ist der kleinste der größeren Saturnmonde – bei einem Durchmesser von 397 Kilometern besitzt er etwa 0,05 Prozent der Erdmondmasse.





