Rund 80 Prozent der Wild- und Nutzpflanzen werden durch Insekten bestäubt. Doch obwohl die Landwirtschaft auf Bienen, Schwebefliegen und Co angewiesen ist, stellt sie zugleich eine der größten Gefahren für die Nützlinge dar. Der Einsatz von Pestiziden sowie die Zerstörung und Zerstückelung von Lebensräumen treiben das Insektensterben voran. Der Klimawandel setzt viele Arten zusätzlich unter Druck.
Europaweite Bestandsaufnahme
„Bestäubende Insekten sind für die Biodiversität und die Nahrungsmittelproduktion unverzichtbar, doch bislang lagen nur bruchstückhafte Erkenntnisse über die langfristige Entwicklung ihrer Populationen vor“, schreibt ein Team um Carlos Martínez-Núñez vom spanischen Obersten Rat für wissenschaftliche Forschung in Sevilla. Für einen europaweiten Überblick haben die Forschenden nun mehr als vier Millionen Beobachtungsdaten aus der Zeit von 1921 bis 2020 ausgewertet. Dabei erfassten sie 1898 Arten von Bienen und 784 Arten von Schwebefliegen – insgesamt 88 Prozent der in Europa vorkommenden Arten.
Mit Blick auf die Artenvielfalt ergab die Analyse ein differenziertes Bild: „Die meisten untersuchten Arten kommen auf europäischer Ebene weiterhin vor und die regionale Artenvielfalt hat sich nur geringfügig verändert“, berichtet das Team. In kontinentalen und atlantischen Regionen ist die Biodiversität der Bienen und Schwebefliegen innerhalb der letzten 100 Jahre zwar zurückgegangen. „In alpinen Regionen nahm der Artenreichtum dagegen zu, war wahrscheinlich auf die Erwärmung in den hohen Breitengraden zurückzuführen ist“, erläutern die Forschenden.
Es ist noch nicht zu spät
„Auf Artenebene zeichnete sich jedoch ein besorgniserregenderes Bild ab“, schreiben Martínez-Núñez und sein Team. „Bei den meisten Bienenarten und etwa der Hälfte der Schwebfliegenarten ging die Verbreitung zurück.“ Insbesondere Arten, die an kühle Temperaturen angepasst sind, wie beispielsweise viele Hummeln, haben ihr Verbreitungsgebiet verkleinert und sind seltener geworden. Einige widerstandsfähige, wärmeangepasste Arten konnten sich dagegen stärker ausbreiten. Die gravierendsten Rückgänge verzeichneten einige parasitäre Arten sowie Arten mit einer eng spezialisierten Ernährung.
Auch wenn viele Arten aus weiten Teilen ihres ursprünglichen Verbreitungsgebiets verschwunden sind, ist den Forschenden zufolge bislang noch kein europaweites Aussterben erkennbar. Das bietet laut Martínez-Núñez und seinen Kollegen noch die Chance, negative Trends zu stoppen: „Unsere Studie liefert uns ein deutliches Warnsignal dafür, dass sich die Insektenpopulationen derzeit verändern, aber sie zeigt auch, dass es noch nicht zu spät ist, die beobachteten Rückgänge umzukehren“, schreiben sie. „Um die Bestäubungsleistungen angesichts des globalen Wandels zu erhalten, müssen politische Maßnahmen umgesetzt werden, die dem Schutz und der Wiederherstellung von Lebensräumen Vorrang einräumen, die vielfältige und empfindliche Bestäuber-Gemeinschaften in allen Bioregionen beherbergen.“
Quelle: Carlos Martínez-Núñez (Estación Biológica de Doñana, Consejo Superior de Investigaciones Científicas, Sevilla, Spanien) et al., Proceedings of the National Academy of Sciences, doi: 10.1073/pnas.2600774123





