„Was ist denn das für ein Ei!”, war Christophs spontane Reaktion, als er zum ersten Mal den neuen Weltmeisterschaftsfußball sah.
Ich verstand nicht, was er sagen wollte: „Der Ball ist doch kein Ei, sondern rund wie eine Kugel!”
„Kugelrund war der Ball noch nie”, war die Antwort meines Sohnes, „aber bis jetzt sah er wenigstens ordentlich aus.”
„Ordentlich?”
„Na ja, eben ordentlich aus Teilen zusammengesetzt.”
„Klar”, erinnerte ich mich, „Sechsecke und Fünfecke.”
„Genau. Aber jetzt sind es so komische runde Teile.”
Der nächste Tag führte uns ins Spielwarengeschäft. Zielstrebig steuerten wir auf den Korb mit den Fußbällen zu.
Ich nahm einen Ball in die Hand. „Siehst du”, sagte ich besserwisserisch, „in Wirklichkeit besteht der Ball aus Fünfecken und Sechsecken, der Rest ist nur drauf gemalt!”
Christoph parierte: „Das sind die billigen Bälle, die Ballack nie berühren würde. Auf die hier ist das komische Muster tatsächlich nur drauf gemalt.”
Er schaute sich um und sagte: „Hier!” Dabei zeigte er auf einen separat präsentierten Fußball, der tatsächlich nicht aus Fünfecken und Sechsecken bestand.
„Das ist der WM-Ball, er heißt ‚Teamgeist‘ “, erklärte ein Verkäufer, der uns hilfsbereit entgegen eilte.
Christoph triumphierte: „Hier ist das Zeug nicht nur oberflächlich angebracht. Stattdessen ist der Ball tatsächlich aus verschiedenen dieser seltsamen Teile zusammengesetzt.”
Ich wollte ihm das Heft unbedingt wieder aus der Hand nehmen: „ Was sind denn das für Teile?”
„Sieht aus wie Schuhsohlen.” Christoph schien diesen Ball wirklich nicht zu lieben.
„Man nennt diese Teile ‚Panels‘”, warf der Verkäufer ein.
„Wie viele Panels gibt es denn?”, fragte ich.
Das war einfach: Christoph hielt den Ball so, dass ein Teil oben, eines unten, eines vorne, eines hinten, eines rechts und eines links war und sagte: „Sechs.”
„Besteht der Ball nur aus diesen Teilen?”, bohrte ich weiter.
Christoph schaute sich den Ball nochmal gründlich an: „Es gibt dazwischen noch diese dreizipfligen Teile.”
Die hatte selbst der Verkäufer noch nicht wahrgenommen – und wusste natürlich auch nicht, wie sie heißen.
Ich gab nicht auf: „Und wie viele dreizipflige Teile hat der Ball?”
Eine kurze gemeinsame Inspektion brachte das Ergebnis: „Acht.”
Mir kam eine Idee: „Kennst du ein geometrisches Objekt, bei dem die Zahlen 6 und 8 vorkommen?”
Sowohl Christoph als auch der Verkäufer schauten mich ratlos an.
Ich machte es einfacher: „Kennst du etwas Geometrisches mit der Zahl 6 – etwas, was zum Beispiel sechs Seiten hat?”
Christoph schaute mich mitleidig an: „Meinst du einen Würfel?”
„Kommt beim Würfel die Zahl 8 vor?”
„Natürlich! Die Ecken!”
Christoph sprach nicht weiter, sondern griff nach dem Ball. Ich merkte, dass er auf der richtigen Fährte war.
„Du meinst”, überlegte mein Sohn, „dass die dreizipfligen Teile mal die Ecken eines Würfels waren und die Schuhsohlen seine Seiten?”
Ich half ihm: „Wenn die Dreizipfel schrumpfen und sich die Panels entsprechend ausdehnen …”
„… und wenn das Ganze dabei eckig wird”, unterbrach mich Christoph euphorisch, „dann könnte das tatsächlich ein Würfel werden.”
Er warf mir einen Blick zu, in dem sich die Begeisterung über seine Erkenntnis und die Skepsis über die Abgedrehtheit der Mathematiker mischten: „Bei deiner Mathematik braucht man aber viel Fantasie!”





