Große Höhenlagen stellen Menschen und Tiere vor extreme Herausforderungen: Schon bei etwa 1500 Metern über dem Meeresspiegel wird die Luft so dünn, dass sich unsere Atmung beschleunigt. Mit zunehmender Höhe sinken zudem die Temperaturen und nach und nach scheint alles Lebendige zu verschwinden. Als obere Grenze für Säugetiere galten lange Höhen von rund 5500 Metern. Doch eine kleine Maus stellt diese Annahme in Frage: 2020 wiesen Forschende erstmals nach, dass die Anden-Blattohrmaus (Phyllotis vaccarum) selbst auf dem Gipfel eines 6739 Meter hohen Andenvulkans vorkommt.
Überleben unter Extrembedingungen
„Das war völlig unerwartet. Man ging nicht davon aus, dass Säugetiere in diesen Höhen überleben könnten, aber sie sind da“, sagt Graham Scott von der McMaster University in Kanada. Auf dem Gipfel des Vulkans liegen die Lufttemperaturen dauerhaft unter dem Gefrierpunkt und jeder Atemzug enthält nur 44 Prozent des auf Meereshöhe verfügbaren Sauerstoffs. „Gut trainierte, akklimatisierte Bergsteiger können während eines eintägigen Gipfelversuchs diesen Grad an Sauerstoffmangel ertragen, doch solche Höhen sind mit dem langfristigen Überleben des Menschen nicht vereinbar.“
Der Blattohrmaus scheinen diese Bedingungen dagegen nichts auszumachen. Sie hält nicht nur den Rekord für das höchstlebende Säugetier, sondern weist in ihrer Verbreitung zudem das größte Höhenspektrum auf: Ihr Lebensraum erstreckt sich von der Wüste an der Küste Chiles bis auf die höchsten Gipfel der Anden. Aber wie schafft sie es, diese Extreme auszuhalten? Um das herauszufinden, hat Scott gemeinsam mit einem Team um Schuyler Liphardt von der University of Montana die Reaktionen der kleinen Nager auf Kälte und Sauerstoffmangel untersucht und zudem ihr Genom analysiert.

Blick auf den 6739 Meter hohen Andenvulkan Llullaillaco. Auf seinem Gipfel leben Anden-Blattohrmäuse. — © Naim Bautista
Mit Hyperventilation gegen den Sauerstoffmangel
Für ihre Versuche fingen die Forschenden sowohl Mäuse aus extremen Höhenlagen als auch Tiere der gleichen Art aus tiefer gelegenen Gebieten. Als Vergleich untersuchten sie zudem eine nah verwandte Art, die nur im Tiefland vorkommt. Als Liphardt und seine Kollegen im Labor kalte, sauerstoffarme Bedingungen simulierten, wie sie auf rund 7000 Metern Höhe vorkommen, stellten sie fest, dass die Hochlandmäuse den zur Verfügung stehenden Sauerstoff effektiver nutzten als ihre Artgenossen und Verwandten aus tieferen Lagen.





