von THORSTEN DAMBECK
Es wird eine Gelegenheit für einen letzten Blick sein, wenn sich die Sonde Juice am 20. August noch einmal bis auf 6.807 Kilometer der Erde nähert und sich dann auf ihre langen Weg zu den Jupitermonden macht. 24 Stunden und 41 Minuten vorher wird sie ein ungewöhnliches Manöver absolviert haben und am Erdmond vorbeigeflogen sein.
Das erstmals praktizierte Manöver heißt im Fachjargon Lunar-Earth Gravitational Assist, abgekürzt LEGA. Verläuft es erfolgreich, so wird die ESA-Sonde eine Menge Treibstoff einsparen, bis zu 16 Prozent, was das Missionsende bis in die 2030er-Jahre verzögern könnte. „Unsere Analysen hatten ergeben, dass LEGA die beste Option für etwa die Hälfte des Startfensters war“, sagt Ignacio Tanco, der im Darmstädter Kontrollzentrum als Spacecraft Operations Manager für Juice arbeitet. Mit „Startfenster“ wird in der Raumfahrt der Zeitraum bezeichnet, in dem eine Raumsonde ins All geschossen werden muss, um die geplante Missionsbahn zu erreichen.
Der Name Juice steht für „Jupiter Icy Moons Explorer“. Den Eismond-Späher hatte eine Ariane-5-Rakete am 14. April 2023 von Französisch-Guayana aus ins All geschossen. Es war der Auftakt zu einer Odyssee, die erst nach über acht Jahren Flugzeit bei Jupiter enden wird. Denn auf seiner gewundenen Bahn wird Juice zusätzlich zum LEGA-Manöver auch noch die Venus und zweimal die Erde passieren – all das, um genügend Schwung zu holen für den Transfer zum Riesenplaneten.
Jupiter und seine Monde geraten damit zunehmend in den Fokus der Forscher. Seit fast acht Jahren umrundet ihn die am 5. August 2011 gestartete NASA-Sonde Juno. Sie konzentriert sich jedoch hauptsächlich auf den Planeten selbst (bdw 11/2023, „Schwingender Riese“).
Testfall Erdmond
Bereits am 19. August soll Juice nun einige Bordinstrumente unter Weltraumbedingungen testen – wenn sie sich unserem Mond bis auf 755 Kilometer nähert. Das betrifft auch das Radargerät, dessen 16 Meter lange Antenne erst nach mehreren Fehlversuchen rund einen Monat nach dem Start ausgeklappt wurde. Damit soll bis zu neun Kilometer tief unter die vereiste Oberfläche der Jupitermonde gespäht werden. Dabei erhofft man sich, auf die Signatur von Wasser zu stoßen. Ob das gelingen kann, soll am Erdmond ausprobiert werden.
Die Meere unter den Eiskrusten einiger Trabanten Jupiters sind heiße Kandidaten für die Suche nach außerirdischem Leben: Weit oben auf der Liste steht der Mond Europa (Durchmesser: 3.121 Kilometer). Auch Ganymed und Kallisto werden solche Tiefenmeere zugeschrieben. Obwohl alle drei „nur“ Monde sind, erreichen sie die Ausmaße von Planeten, übertreffen also die kleineren Eismonde von Saturn deutlich (siehe Artikel „Ein neues Meer im Sonnensystem“).





