Aufgrund meiner Arbeit an der Universität musste ich zweimal mit meiner Familie umziehen. Die Kinder protestierten energisch, da sie aber nichts dagegen unternehmen konnten, äußerten sie ihren Unmut dadurch, dass sie oft grantig und kaum ansprechbar waren.
Eines Abends nach dem zweiten Umzug saß ich mit meinem Sohn am Tisch. Wir hatten schon gegessen und hockten einfach nur da. Da seufzte Christoph: „Das einzig Gute hier …”, er machte eine Pause „ …ist die Fleischwurst.”
Das hatte ich nicht erwartet, aber ich tröstete mich damit, dass er überhaupt etwas gut fand. Ich betrachtete das Objekt seines Wohlgefallens: eine völlig normale Fleischwurst – nicht als Ring, sondern als gerades Stück.
Ich versuchte, ein Gespräch in Gang zu bringen: „In der Metzgerei ist die Fleischwurst oft schräg angeschnitten. Weißt du, warum?”
Christoph nickte: „Klar, damit wir denken, die Wurstscheiben seien größer. In Wirklichkeit aber sind sie natürlich immer gleich klein.”
„Wie klein sind denn die schrägen Wurststückchen?”
„Kannst mir ja noch eines abschneiden!”
Was tut man nicht alles, um seinen Sohn bei Laune zu halten. Ich schnitt ein Stück ab und legte es auf Christophs Teller. Natürlich musste ich eine Frage nachschieben: „Was ist denn das für eine Form?”
„Ein Kreis ist es nicht, aber trotzdem irgendwie rund. So wie ein Ei.”
„Ein Ei ist an einer Seite runder und an der anderen spitzer. Ist das hier auch so?”
„Können wir ja ausprobieren”, war Christophs Antwort.
Ich nahm ein Messer, schnitt nochmal sorgfältig eine dünne Scheibe ab und legte sie auf seinen Teller.
„Gleich!”, sagte er apodiktisch.
Was wollte er damit sagen? „Was heißt ‚gleich‘?”
„Rechts und links, oben und unten”, war seine Antwort.
Ich verstand: „Genau, sie hat sowohl rechts und links als auch oben und unten die gleiche Krümmung. Sie ist symmetrisch. Die Mathematiker nennen diese Form eine Ellipse.”
Ich schnitt das Wurststückchen in der Mitte durch und schob die rechte Hälfte über die linke, so dass sie genau übereinander lagen. „Die Ellipse hatten wir in der Schule. Das hat doch irgendwas mit dem Sonnensystem zu tun”, sagte Christoph mit vollem Mund, da die Wurst-Ellipse bereits ihren eigentlichen Daseinszweck erfüllte.
„Die Erde bewegt sich auf einer ellipsenförmigen Bahn um die Sonne”, erinnerte ich ihn.
„Auch die anderen Planeten”, schmatzte Christoph. Offenbar wusste er mehr, als er zugab.
Doch auch ich konnte noch eins draufsetzen. „Stell dir vor, wir würden die Fleischwurst auf einem Blatt Papier abrollen und immer den Punkt der Ellipse markieren, der gerade auf dem Papier liegt.”
„Bitte nicht”, protestierte Christoph und nahm mir die Wurst weg, „ich will sie noch essen.”
„Wir stellen uns das ja auch nur vor”, beruhigte ich ihn.
Christoph überlegte: „Das sind viele Punkte und wenn man sie verbindet, ergibt das eine Linie.”
„Was denn für eine Linie?” Ich musste zugeben, das war eine schwierige Frage.
Christoph überlegte nicht lange, sondern griff zum Messer, und ehe ich etwas erwidern konnte, schnitt er die Wursthaut an der untersten Stelle ein und zog sie ab – so sorgfältig, dass er am Schluss die gesamte Haut am Stück in seinen Händen hielt. Er legte die Haut vor sich auf seinen Teller, strich sie glatt, strahlte, machte eine ausladende Handbewegung und sagte: „ Schwingung.”
„Sehr gut!”, lobte ich ihn. „Die Mathematiker nennen diese Schwingung ,Sinuskurve‘. Man kann sich vorstellen, dass sie nicht nur einmal schwingt, sondern zweimal, dreimal und so weiter.”
„Dazu braucht man aber viele Fleischwürste!”, jubelte Christoph.





