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Weltraumschrott wird museumsreif
Die rätselhafte Kugel aus Metall reichte James Stirton bis zu den Knien. Sie sah zusammengeschmolzen aus. „Was um alles in der Welt ist das?“, fragte sich der australische Farmer. Und wer hatte die Kugel im November 2007 auf Stirtons vier Hektar großem Gelände in der Einöde von Queensland abgelegt? Stirton…
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von DIRK HUSEMANN
Die rätselhafte Kugel aus Metall reichte James Stirton bis zu den Knien. Sie sah zusammengeschmolzen aus. „Was um alles in der Welt ist das?“, fragte sich der australische Farmer. Und wer hatte die Kugel im November 2007 auf Stirtons vier Hektar großem Gelände in der Einöde von Queensland abgelegt? Stirton informierte die Behörden.
Schließlich landete der mysteriöse Fund im Planetarium von Brisbane. Dort stellte Kurator Mark Rigby fest: Es handelt sich um ein Raketenteil, einen Treibstofftank für Helium, mit dem ein US-Satellit in die Umlaufbahn geschossen worden war. Eigentlich hätten die Reste der Rakete in der Nähe von Indonesien in den Pazifik stürzen sollen – doch etwas war schiefgelaufen. Spaceballs (Weltraumkugeln) heißen diese Objekte in Fachkreisen.
Alice Gorman kennt viele solcher fehlgeleiteten Abstürze. Die Archäologin von der Flinders University im südaustralischen Adelaide erforscht sie zusammen mit einer Handvoll Wissenschaftlern, die sich einer ungewöhnlichen Aufgabe widmen: der Archäologie des Weltraums.
Material für Weltraumarchäologen gibt es zuhauf. Etwa 3000 Satelliten umkreisen die Erde, davon sind rund 900 aktiv. Die restlichen funktionieren nicht mehr und fliegen nutzlos um unseren Planeten – darunter Giganten wie der europäische Envisat, der 2002 startete und etwa so groß ist wie ein Doppeldeckerbus. Neben den Satelliten sausen Antriebsstufen von Raketen und Reste menschlicher Weltraummissionen um die Erde: Schrauben, Kanister, Verkleidungen und Werkzeuge.
Doktor Weltraumschrott
Alice Gorman betont: „Es ist die Aufgabe von Archäologen, das zu untersuchen, was Menschen hinterlassen und wegwerfen. Und unser Müll fliegt mittlerweile auch durchs All.“ Die Australierin, von ihren Kollegen „Dr. Spacejunk“ („Doktor Weltraumschrott“) genannt, hat errechnet: Insgesamt fliegen mehr als 6000 Tonnen Schrott um die Erde. „Das entspricht ungefähr dem Gewicht von 1000 Afrikanischen Elefanten-Bullen“, sagt sie. Einige dieser Weltraum-Elefanten sind riesig – wie Envisat – andere nur wenig größer als eine Maus. Der US-Satellit Vanguard 1 hat einen Durchmesser von 16,5 Zentimetern und wiegt nur 1,46 Kilogramm. Aber sein Gewicht ist beachtlich, was den Informationsgehalt für die Archäologie und Kulturwissenschaft betrifft.
Fotos von dem Satelliten, der am 17. März 1958 startete, verraten Alice Gorman: „Die sparsame Ausstattung von Vanguard 1 zeigt, dass zu Beginn des Weltraumzeitalters nur wenig Geld für solche Anlagen ausgeben wurde, auch seine Form ist ganz anders als die moderner Satelliten. Die sehen heute eher wie Raumschiffe aus. Vanguard 1 aber ist als Kugel gestaltet worden und sollte wohl an den Mond erinnern.“
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Der Kontakt zu dem kleinen Satelliten ist schon seit fast 60 Jahren abgebrochen, aber er umkreist noch immer die Erde. „Vanguard 1 ist das älteste von Menschen gemachte Objekt im All“, sagt Alice Gorman. „Damit ist er das beste Artefakt, das davon zeugt, welche Langzeitfolgen der Weltraum für die Komponenten eines Raumfahrzeugs hat.
Die Einflüsse des Weltraums auf den Menschen und seine Technologie sind nicht nur an Satelliten erkennbar, sondern auch an organischen Hinterlassenschaften. Die Ausscheidungen der Astronauten werden im All entsorgt, manche liegen auch auf dem Mond – 96 Beutel Kot wurden dort hinterlassen. Sie stammen von den zwölf Männern der sechs Apollo-Missionen. Für Archäologen wären diese Beutel eine Fundgrube, sie müssten nur irgendwie an sie herankommen.
„Wenn wir diesen Kot untersuchen könnten“, sagt Alice Gorman, „ließe sich feststellen, welche Wirkung der Weltraum auf die menschliche DNA hat, und zwar langfristig. Die Folgen der Strahlenbelastung wären zum Beispiel eine wichtige Information für Mars-Reisende. Denn die werden ja ziemlich lange unterwegs sein. Was in dieser Zeit mit dem menschlichen Körper passiert, ist noch kaum erforscht.“
Doch den Wissenschaftlern steht dazu kein Forschungsmaterial zur Verfügung. Ist die Weltraumarchäologie nur ein Gedankenspiel?
„An die Objekte im Orbit kommen wir heute noch nicht heran“, sagt Alice Gorman, „aber das wird sich in einigen Jahren ändern. Wichtig ist: Wir müssen schon jetzt darauf aufmerksam machen, dass das, was leichthin als Weltraummüll bezeichnet wird, zum kulturellen Erbe der Menschheit gehört – und das müssen wir schützen, sonst wird es womöglich bald zerstört.“
Denn viele Objekte im Erdorbit stellen ein Risiko für die Raumfahrt dar. Und nicht alle sind so gut sichtbar wie der Satellit Envisat. Die NASA hat bereits über 23.000 Objekte ausgemacht, die größer sind als zehn Zentimeter. Und die Raumfahrtexperten schätzen, dass einige Millionen noch kleinere Teilchen herumfliegen. Alle rasen mit einer Geschwindigkeit von 27.000 Kilometern pro Stunde um die Erde. Satelliten und Raumstationen, die von solchen Geschossen getroffen werden, können schweren Schaden nehmen. Als 2016 ein winziges Stück Lack mit der Internationalen Raumstation (ISS) kollidierte, entstand ein Riss in einem Fenster. Der ließ sich reparieren, doch ein größeres Objekt hätte wie eine Granate wirken können.
Das Kessler-Syndrom
Das Risiko, das vom Weltraumschrott ausgeht, nimmt zu, denn immer mehr Objekte kreisen im Orbit. Da sie Strahlung und extremen Temperaturen ausgesetzt sind, zerfallen sie in immer kleinere Teile. Überdies prallen sie mit anderem Weltraummüll und Meteoriten zusammen. Deshalb werden die Abstände, in denen sich wenige größere Teile in viele kleine verwandeln, immer kürzer. Ein Ende dieser Kettenreaktion ist nicht abzusehen. Schon 1978 entwarf der US-Astrophysiker Donald J. Kessler ein Modell der Fragmentationsprozesse und kam zu dem Schluss, dass die Erde irgendwann von einer Wolke winziger Teilchen umflogen werde, die es unmöglich machen würde, den Planeten zu verlassen.
Das Kessler-Syndrom ist das Schreckgespenst der Raumfahrt. Um diesen bösen Geist auszutreiben, suchen die Raumfahrtexperten nach einer Lösung für das Müllproblem. Das Einfachste wäre, alle größeren Teile in den erdnahen Orbit zu bringen, also so dicht wie möglich zur Erde. Dort würde die Erdanziehungskraft die ausgedienten Satelliten und Raketenteile abstürzen lassen. Das meiste Material würde in der Atmosphäre verglühen und der Rest auf unseren Planeten fallen. Bislang fehlt jedoch eine Methode, um an die Objekte heranzukommen. Ein Versuch der japanischen Weltraumagentur JAXA, die größeren Müllteile mit modifizierten Fischernetzen einzufangen und in den erdnahen Orbit zu schleppen, scheiterte 2017.
Solche Experimente sieht Alice Gorman zwiespältig. Was einerseits eine Gefahr ist, soll andererseits auch bewahrt werden: „Bevor wir alles wahllos zerstören, müssen wir darüber nachdenken, was erhalten werden sollte“, sagt die Wissenschaftlerin. „Das Design und die Materialien einiger Satelliten geben Aufschluss darüber, wie sich die Menschheit nach und nach an die neue Umgebung im All angepasst hat.“ Gorman schlägt vor, eine Strategie zum Erhalt des kulturellen Erbes im Orbit zu entwickeln, die die Bedürfnisse aller berücksichtigt: „Auf der einen Seite sollten wir das Sonnensystem nicht verschmutzen. Auf der anderen Seite ist nicht jedes menschengemachte Objekt im All gleich Abfall. Vieles dort oben ist so wertvoll wie irdische archäologische Stätten. Es dokumentiert die Geschichte des Planeten Erde in der Galaxis.“
Abenteuerlicher Transport
Schützenhilfe erhält Gorman durch Andreas Schütz vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln: „Dass diese Dinge bewahrt werden müssen, steht außer Frage.“ Viel Technik aus dem All ist im Lauf der vergangenen sechs Jahrzehnte wohlbehalten aus dem Weltraum auf die Erde zurückgekehrt – um dort auf dem Schrottplatz zu landen. „Mir blutet das Herz, wenn ich sehe, was alles verschwunden ist“, sagt Andreas Schütz.
Im Mai 2015 reiste der Raumfahrtexperte nach Russland und kaufte kurzerhand die Sojus-Kapsel, mit der der deutsche Astronaut Alexander Gerst im November 2014 zur Erde zurückgekehrt war. „Die Kapsel nach Deutschland zu bringen, war abenteuerlich“, berichtet Schütz. „Sie wurde auf einen Lastwagen geschnallt und verbrachte dann von Moskau bis Köln sechs Tage auf der Landstraße.“ Seit 2016 steht sie im Casino des DLR in Köln. Demnächst soll sie ins Deutsche Museum nach München umziehen.
Bei seiner Arbeit für das DLR hat Andreas Schütz beobachtet, dass sich in den letzten Jahren ein Bewusstsein für das Menschheitserbe im Weltraum entwickelt hat. Das sei unter anderem an der Ausstattung von Museen erkennbar, die sich mit dem Thema Raumfahrt beschäftigen, darunter die Deutsche Raumfahrtausstellung im sächsischen Morgenröthe-Rautenkranz, das Herman-Oberth-Museum im fränkischen Markt Feucht, das Historisch-Technische Museum Peenemünde auf der Insel Usedom, die Cité de lʼEspace im französischen Toulouse, das Kosmonauten-Museum in Moskau und das Kennedy Space Center auf Merritt Island im US-Bundesstaat Florida. Einige dieser Museen sind in den vergangenen Jahren vergrößert worden, weil das Interesse der Besucher wächst. „In Frankreich kann man zum Beispiel durch eine Mir-Station gehen“, sagt Schütz. „So etwas gibt es bei uns in Deutschland leider nicht. Noch nicht.“
Dass immer mehr Menschen die Raumfahrt als kulturelles Erbe wahrnehmen, ist für Alice Gorman eine Bestätigung ihrer Arbeit. „Wir Weltraumarchäologen haben uns einen Platz erkämpft, an dem uns sowohl die Kollegen der herkömmlichen Archäologie als auch die Astrophysiker akzeptieren.“ Das war nicht immer so. „Weltraumarchäologie gibt es seit 1999“, berichtet Gorman. „Damals nahm uns niemand ernst. Aber heute sind die Spuren der Menschheit im All ein großes Thema. Bald fliegen wieder Menschen zum Mond, vielleicht sogar zum Mars. Es wird mehr Weltraumtouristen geben als jemals zuvor. Und der Abbau von Rohstoffen jenseits der Erde kommt ebenfalls auf uns zu.“
Von Lenin zur Madonna
Nirgendwo sind die Spuren des Menschen im All so zahlreich wie auf der Internationalen Raumstation ISS. Sie ist der einzige dauerhaft bewohnte Ort außerhalb der Erde. Seit dem 2. November 2000 ist die Station kontinuierlich mit Raumfahrerinnen und Raumfahrern aus unterschiedlichen Nationen besetzt. Insgesamt waren schon 242 Besucher aus 19 Ländern dort – ein kultureller Schmelztiegel auf engem Raum. Ein Grund für Alice Gorman und ihre Kollegen, das Leben auf der ISS gründlich unter die Lupe zu nehmen.
„Nach archäologischen Gesichtspunkten gleicht die Station einer Mikrogesellschaft in einer Miniwelt“, sagt die Forscherin. Gemeinsam mit ihrem US-amerikanischen Kollegen Justin Walsh leitet sie seit 2015 das International Space Station Archaeological Project. Es ist die erste Untersuchung von Lebensraum im All. Die Erkenntnisse sollen künftigen mehrjährigen Raumfahrtmissionen nutzen. In erster Linie wollen die Forscher herausfinden, wie sich Astronauten an das Leben im Weltraum anpassen. Wie verändert die Umgebung die Menschen? Und wie verändern die Menschen die Umgebung, um ihre Aufgaben zu erfüllen und ihre Bedürfnisse zu befriedigen? Dazu analysieren die Weltraumarchäologen Fotos der NASA aus der Raumstation.
„Die Crew der ISS schießt etwa 400 Fotos am Tag“, sagt Alice Gorman. Und in denen stecken etliche Überraschungen. Ein Blick in das Swesda-Modul der russischen Kosmonauten zeigt zum Beispiel, dass dort Bilder an den Wänden hängen: Porträts von sowjetischen Raumfahrern wie Juri Gagarin, aber auch Ikonen der russisch-orthodoxen Kirche. Gorman und ihre Kollegen Justin Walsh und Wendy Salmon haben beobachtet, wie die Bilder über die Jahre wechselten. „Anfangs waren noch Fotos von Lenin beliebt“, berichtet die Archäologin. „Seit die orthodoxe Kirche in Russland wieder stärker geworden ist, musste der kommunistische Revolutionär der Madonna von Kasan weichen.“
Die Heiligenbilder sollen auf Bitten der Kirche zur ISS transportiert worden sein. „Eine Ideologie ersetzt die andere“, sagt Alice Gorman. Die NASA habe zwar gewusst, dass es die Bilder im russischen Segment der ISS gibt. „In der Weltraumbehörde war man aber erstaunt über die Beobachtung, dass die Bilder ausgetauscht wurden und sich die Motive verändert haben.“
Eine weitere Fundgrube für die Weltraumarchäologen ist ein Verzeichnis der Objekte, die zur Raumstation gebracht werden, und jener Dinge, die von dort wieder zurückkommen. In den vergangenen 21 Jahren waren das insgesamt 377.000 Gegenstände – darunter etwas, das Alice Gorman stutzig machte: bunte Schokolinsen. Die Wissenschaftlerin fand heraus, dass es bei der Besatzung der ISS seit Jahren üblich ist, die bunte Nascherei durch die Module schweben zu lassen, und sich dabei zu übertreffen, wie schnell es gelingt, die Schokolinsen aufzuschnappen. Eine Auswirkung der Fast-Schwerelosigkeit: Die Wertschätzung für ein Objekt verändert sich, und es wird anders benutzt als zuvor auf der Erde. Das Leben im Weltraum hat eine Schleckerei in ein soziales Erlebnis verwandelt. Das hat mittlerweile auch die NASA erkannt und die Süßigkeit zum Standard der Lebensmittelrationen für Astronauten erklärt.
Nikolaus im Weltraumzeitalter
Archäologen lieben es, Kulturen in Zeitalter einzuteilen – etwa in Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit. Alice Gorman und ihre Kollegen sprechen bereits von einem Weltraumzeitalter. Und das gibt es nicht nur im Reich der Schwerelosigkeit, sondern auch auf der Erde. Dort hat die Raumfahrt Spuren in der Alltagskultur hinterlassen. „Nach dem Start des ersten Satelliten, des sowjetischen Sputnik am 4. Oktober 1957, hingen vor allem die US-Amerikaner die Silbe ,nik‘ an alles Mögliche an“, sagt Gorman. Der Begriff „Beatnik“ erreichte in den 1960er-Jahren auch die deutsche Jugend.
Etwa aus derselben Zeit stammen Zeichnungen, auf denen Satelliten den heiligen Nikolaus begleiten. Die metallenen Erdtrabanten waren dort gelandet, wo die Populärkultur begonnen hatte, christliche Traditionen zu verändern. Die Satelliten sollten mit dem Nikolaus zusammen in einer einzigen Nacht die Erde umrunden. „Ein Satellit“, bemerkt Alice Gorman, „braucht allerdings keine ganze Nacht. Er wäre in 90 Minuten am Ziel.“
Viele Designer ahmten damals auch die Form und Gestalt von Raketen nach. In Moskau spielten Kinder auf Spielplätzen, deren Klettergerüste wie Raumfahrzeuge aussahen. Und in den USA rauschten Autos mit raketengleichen Heckflossen über die Straßen. „Wenn wir heute Vanguard 1 betrachten, diesen winzigen Satelliten, ist es geradezu erstaunlich, welche Auswirkungen er auf den Alltag unserer Eltern und Großeltern hatte“, sagt Alice Gorman.
In den vergangenen 64 Jahren hat sich das Leben der Menschen im und mit dem Weltraum verändert. Geblieben ist die Verblüffung über „Weltraumkugeln“ wie die auf dem Gelände des australischen Farmers James Stirton, die vom Kurs abkam. Auch ein Meteor am Nachthimmel sorgt noch immer für Erstaunen. Romantiker sollten allerdings wissen: Es handelt sich dabei nicht immer um Gestein, das in der Atmosphäre verglüht, sondern häufig um ein Stück Weltraumschrott.
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